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Norbert Leipert

    Das Tor zur Freiheit

    Unsere entbehrungsreiche Fahrt in den Viehwaggons führte uns zunächst in das Grenzdurchgangslager im bayerischen Furt im Wald und bald danach ging der Transportzug weiter in das Auffanglager Friedland. Dort nahm unsere ungewisse Zukunft ihren Lauf. Das Auffanglager Friedland bekam später die Bezeichnung „Tor zur Freiheit“. In Wirklichkeit war es eine Ansammlung trostloser, sehr spartanisch eingerichteter Barackenbauten. Aber wir waren froh, nicht mehr in engen Viehwaggons vegetieren zu müssen. Wir bekamen etwas zu essen und hatten eine Schlafmöglichkeit in einem großen Schlafsaal, den wir uns teilen mussten mit vielen fremden Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen hier angekommen waren. Glücklicherweise trafen wir hier auch immer wieder Menschen aus unserer alten Heimat, die durch die Vertreibung ebenfalls hier gelandet waren. In diesem Lager verbrachte meine Familie einen trostlosen Sommer, bevor uns das Schicksal beziehungsweise die deutsche Nachkriegs-Verwaltung in einem Dorf namens Rohrbach bei Sinsheim in Baden-Württemberg unterbrachte.

    Wir waren froh, endlich Deutsche unter Deutschen zu sein. Doch diese Deutschen hatten andere Sorgen als uns Flüchtlingen ein neues Zuhause zu bieten. Deutschland lag in Schutt und Asche, wir fanden ein zerstörtes und verbranntes Land vor. Hier war eigentlich gar kein Platz für uns. Die einheimische Bevölkerung hatte selbst einen Großteil ihres Wohnraumes durch den Krieg verloren. Niemand hat uns mit offenen Armen begrüßt und empfangen. Im Gegenteil beschimpfte man uns als Sau-Flüchtlinge und Rucksack-Deutsche. Und mich nannte man, weil ich ein uneheliches Kind war, einen Bankert. Ich konnte damit nicht viel anfangen und fragte deshalb meine Mutter nach dessen Bedeutung. Sie erklärte mir, dass diese Bezeichnung so viel bedeute wie, dass ich auf einer Bank gezeugt worden sei.

    Unsere sechsköpfige Familie wurde bei der Bäuerin Mathilde Werrer einquartiert. Wir bekamen zwei Zimmer, bestehend aus Wohnküche und Schlafzimmer mit insgesamt circa 25 m² zugeteilt. Waschen und Körperpflege fand an einem Waschbecken im Treppenhaus statt. Baden konnten wir einmal in der Woche. Hierzu wurde eine verzinkte Wanne im Wohnzimmer aufgestellt und alle Familienmitglieder nahmen der Reihe nach in dieser Wanne ein kurzes Bad. Mein Großvater war immer als erster in dieser Wanne, für jeden weiteren wurde nur warmes Wasser zugegossen. Ich war meistens als Letzter an der Reihe und fühlte mich entsprechend unwohl in diesem schmutzigen Wasser. Für Nahrung und Kleidung musste meine Mutter und mein Großvater selbst sorgen. Es gab keine Arbeit, keine Sympathie und keine Hoffnung. Doch es half alles nichts, wir waren hier angekommen und mussten überleben, auch wenn die Umstände sehr schwierig waren.

    Im Alter von ungefähr drei Jahren kletterte ich auf eine Mähmaschine, die vor der Scheune stand, ich stürzte herunter und lag besinnungslos auf dem Boden. Bewusstlos und mit einer blutenden Wunde am Kopf fand mich meine Mutter. Völlig überstürzt griff sie in einem Arzneischrank nach einem Jodfläschchen und goss den Inhalt über meinen Kopf. In der Flasche befand sich jedoch kein Jod, sondern Tinte.

    Ich hatte Glück. Nach ärztlicher Versorgung konnte ich schon nach wenigen Tagen das Bett verlassen, ohne bleibende Schäden davon zu tragen.

    Nach der Kartoffelernte durften wir mit Erlaubnis der Bauern die abgeernteten Felder nach Kartoffeln absuchen, die bei der Ernte liegen blieben, weil sie zu klein oder von der Erntemaschine angeschnitten worden waren. Unsere Ausbeute durften wir behalten und so hatten wir immerhin für die nächsten paar Wochen wieder etwas Nahrhaftes auf unseren Tellern.

    Nach einigen Monaten bekam meine Mutter eine Hilfstätigkeit zugeordnet. Sie musste in einer sogenannten Baumschule im Wald neue Bäume pflanzen; hierfür bekam sie pro Woche 20 Deutsche Mark. Damit musste unsere Familie über die Runden kommen. Mein Vater, besser gesagt, mein Erzeuger, der mit seiner Frau und zwei Töchtern nach der Vertreibung im Raum Ludwigsburg angekommen war, besuchte uns mehrfach in Rohrbach. Da ich nicht wusste, dass er mein Vater ist, musste ich ihn mit Onkel Zeisberger ansprechen. Er hieß Stefan Zeisberger und war der Vater meiner Schwester und von mir. Im Sudetenland nannte man ihn einen Gutsherren. Ihm gehörten große Ländereien, die er angeblich täglich auf einem schönen Pferd abgeritten hat, auch hatte er viele Menschen, die für ihn arbeiten mussten.

    Im Laufe der folgenden Monate kamen immer mehr Menschen aus unserer Heimat und aus unserer ehemaligen Dorfgemeinschaft nach Rohrbach. Die Vertriebenen trafen sich öfter, sie alle hofften, bald wieder zurück in die alte Heimat zu kommen. Aber daraus wurde nichts. Offenbar hatte die große Politik bereits beschlossen, dass die Heimatvertriebenen integriert werden sollten, eine Rückkehr in die Heimat stand wohl nie zur Debatte.

    Nach circa drei Jahren, es muss 1949 gewesen sein, wurden wir zu einem anderen Bauern namens August Schüle umgesiedelt. Dort hatten wir ein Zimmer mehr, ansonsten hatte sich nicht viel geändert. Wir lebten mit mehreren anderen vertriebenen Familien, die wir vorher nicht gekannt hatten, auf einer Etage. Auch hier waren wir nicht willkommen. Wir hatten eine gemeinsame Küche für alle Familien und eine Toilette, die sich auf dem Flur befand. Gebadet wurde wiederum in einer verzinkten tragbaren Wanne, die im Wohnzimmer aufgestellt wurde. Die beiden Waisenkinder Vera und Adolf lebten nach wie vor in unserer Familie. Sie wurden mit uns aus dem Sudetenland vertrieben, da sie zum Zeitpunkt der Vertreibung im Haus meiner Familie gelebt hatten. Vera ging täglich nach Sinsheim in die Schule, oft barfuß, da ihre Schuhe zu klein geworden waren. Sie machte dann mit 15 Jahren einen Schulabschluss. Adolf arbeitete als Knecht bei einem Bauern im Ort. Gegenüber meiner Mutter klagte er oft darüber, dass er immer wieder von diesem Bauern geschlagen wurde, indem er in der Scheune mit einem Strick an den Händen an einem Balken hochgezogen wurde und dann Schläge bekommen hätte. Meine Mutter informierte diesbezüglich die Gemeindeverwaltung, die unternahm jedoch nichts. Eines Tages kam Adolf nicht mehr nach Hause. Er war tot. In seiner Verzweiflung hatte er sich in der Scheune des Bauern erhängt. Das war ein schwerer Schlag für unsere ganze Familie, wir weinten alle sehr um ihn. Als meine Mutter daraufhin ein weiteres Mal zur Gemeindeverwaltung ging, blieb auch das ohne Konsequenzen. Es war ja nur ein Flüchtlingsjunge …

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