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Norbert Leipert

    Das erste Weihnachtsfest nicht in der Heimat

    Der Herbst 1946, also das Jahr unserer Vertreibung, neigte sich dem Ende, und der Winter stand vor der Tür, da kam eines Tages meine Mutter mit einer lebenden Gans nach Hause. Woher sie das Federvieh hatte und was sie dafür eingetauscht hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls lebte diese Gans fortan bei uns in der Wohnstube. Jeden Abend kniete meine Mutter über sie und schob ihr mit Gewalt Maiskörner in den Schnabel. Es war eine schlimme Tierquälerei, doch sie zeigte Erfolg. Die Gans wurde fett und nur das war für uns wichtig. Denn so kamen wir an Weihnachten in den Genuss eines Gänsebratens wie in der Heimat. Und wir Kinder hatten noch bis Ostern das fette Gänseschmalz auf unseren Broten.

    Der Winter war sehr kalt, und wir mussten viel Holz im Wald sammeln, um damit den einzigen Herd in der Küche heizen zu können. Von der örtlichen Verwaltung im Rathaus bekamen wir Vertriebenen Essenmarken zugeteilt. Die konnten wir im einzigen Lebensmittelladen am Ort, der von einer Frau Hedwig geführt wurde, gegen Lebensmittel eintauschen. Sie reichten jedoch gerade so zum Überleben, satt wurde unsere sechsköpfige Familie davon nicht.

    Es war Dezember und Advent und der Nikolaus Abend wurde uns Kindern mit seltsamen Andeutungen der Erwachsenen angekündigt. Der würde nämlich von Haus zu Haus ziehen und alle Kinder beschenken. Kinder, die das ganze Jahr lieb und folgsam gewesen waren, belohne er mit Geschenken, böse Kinder hingegen würden von seinem Begleiter, dem Krampus, mit einer Rute verhauen werden. Der Nikolaus Abend kam und meine Schwester und ich saßen erwartungsvoll mit meiner Mutter in der Wohnstube vor dem Küchenherd. Großvater und Vera waren weggegangen, so wurde uns von meiner Mutter berichtet. Plötzlich klopfte es am Fensterladen und an der Wohnzimmertüre. Meine Schwester kletterte blitzschnell auf Mutters Schoß. Ich kroch unter Mutters Stuhl. Wir hatten Angst. Nachdem das Klopfen immer lauter wurde, hörten wir, wie die Zimmertüre von außen geöffnet wurde und eine Hand in einem großen Handschuh stellte einen alten Kartoffelsack in die Wohnstube, dann wurde die Türe wieder verschlossen und wir saßen verängstigt bei unserer Mutter. Die stellte den gefüllten Kartoffelsack in die Mitte des Raumes und plötzlich kamen mein Großvater und Vera nach Hause. Sie zeigten sich erstaunt, dass der Nikolaus schon da gewesen sei. Der Kartoffelsack war mit mehreren Päckchen gefüllt, drei für meine Schwester und drei für mich. Nach Aufforderung meiner Mutter fing ich an, meine Päckchen auszupacken. Im ersten Päckchen fand ich nur viele Kartoffelschalen. Dies war eindeutig nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Ich öffnete das zweite Päckchen und sah erschrocken auf meine schwarzen Finger. In diesem Päckchen befand sich eine Handvoll Eierkohlen. Meine Mutter erklärte mir, dass der Nikolaus wohl gewusst habe, dass ich das Jahr über nicht lieb und artig gewesen sei und half meiner Schwester, ihre Päckchen auszupacken. Dort waren nur leckere Weihnachtsplätzchen drin. Ich kämpfte mit den Tränen, selbst dann, als ich in meinem dritten Päckchen auch Weihnachtsplätzchen fand. Mir wurde erklärt, dass der Nikolaus meine kleine Schwester bevorzugt hätte und mir eine Lektion habe erteilen wollte. Ich habe diese Lektion gelernt. Mit dem Ergebnis, dass ich dank dieser Erziehungsmethoden für die nächsten Jahre bei jedem Nikolausabend große Angst hatte.

    Am Heiligen Abend war das Christkind zum Glück gnädiger und schickte uns als Geschenk ein Care Paket aus Amerika. Die fette Gans schmeckte allen gut. Großvater nahm seine Geige und spielte „Stille Nacht, heilige Nacht“ und weitere Weihnachtslieder. Wir sangen mit und ich lauschte besonders der schönen Stimme meiner Mutter. Großvater meinte, er würde mir gerne in den nächsten Jahren Geigenunterricht geben, damit ich ein guter Musiker werde. Das erfüllte mich mit Stolz. Viel mehr aber freute ich mich an diesem Abend über eine hölzerne Eisenbahn, bestehend aus einer Lokomotive mit zwei Waggons, die ich vom Christkind bekommen hatte. Großvater bereitete es sichtlich Freude zu sehen, dass ich mich so sehr über die hölzerne Eisenbahn gefreut habe. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass er sie in wochenlanger Arbeit selbst gebaut hatte.

    Meine Mutter und mein Großvater waren während der Weihnachtstage sehr traurig, dass sie dieses Fest und den Gottesdienst am Heiligen Abend nicht in ihrer Heimat begehen konnten, auch dachten sie viel an meine Großmutter, die im Sudetenland erschossen worden war. Von meinem Vater Stefan Zeisberger hörte und sah ich nichts an diesem Weihnachtsfest. Wir haben auch keine Geschenke von ihm erhalten. Großvater erwähnte lediglich, dass Onkel Zeisberger eine Weihnachtskarte geschickt habe.

    Ich habe diese Weihnachtstage dennoch in guter Erinnerung, weil mir die hölzerne Eisenbahn große Freude bereitete. Auch empfand ich in diesen Tagen eine wohlige Geborgenheit in dem Wissen, dass Großvater, meine Mutter, Vera, Adolf, meine Schwester und ich eine Familie waren.

    Aber die Angst, die ich von nun an vor dem Nikolaus und dem Krampus hatte, die blieb mir erhalten, sie hat mich noch viele Jahre begleitet. Darum wünsche ich mir, dass Kinder mit Freude und nicht mit Angst vor einem Nikolaus und seinem Krampus aufwachsen müssen. Vielleicht war dieser Nikolausabend für mein Leben insofern wichtig und prägend, als er in meinem Unterbewusstsein ganz tief die Erkenntnis verankert hat, dass Angst immer ein schlechter Berater ist.

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