• Blog
  • Fotogalerie
  • Click to open the search input field Click to open the search input field Suche
  • Menü Menü
Norbert Leipert

    Ein ungünstiger Start ins Leben

    Ich wurde bei strahlendem Sonnenschein im Juli 1944 um 15:25 Uhr in Wagstadt im Sudetenland in eine kriegerische Welt hinein geboren. Ich konnte es mir nicht aussuchen. Welche Ängste meine Mutter während dieser Schwangerschaft ausgestanden hatte kann ich nur erahnen. Heute weiß man, dass solche Gefühle gravierende Auswirkungen auf das noch ungeborene Leben haben können. Sie sind wie eine Art seelischer Rucksack, den meine Mutter mir unfreiwillig mit auf meinen Lebensweg geben hat. Welche längerfristigen, psychischen und physischen Auswirkungen der Zeitpunkt meiner Geburt und die danach einsetzende Verfolgung und Vertreibung auf mein Leben hatten, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Was ich hingegen weiß ist, dass es in meiner Kindheit, Jugend und dem Älterwerden öfter Momente gab, in denen ich nicht ein und aus wusste. Laut den Erzählungen meiner Mutter, meines Großvaters und vielen älteren Heimatvertriebenen war die Zeit nach meiner Geburt für alle im Sudetenland lebende Deutschstämmige sehr schwierig und mit vielen Ängsten und Schikanen behaftet.

    So lebte in unserem Haus beispielsweise die damals zwölfjährige Vera, eine Halbwaise, die von ihrer Mutter gegen ein monatliches Entgelt in die Familie meines Großvaters abgegeben wurde, sowie der 13-jährige Vollwaise Adolf. Als Kind konnte ich vieles, das mir erzählt wurde, nicht wirklich begreifen. Erst im Laufe meines Lebens wurde mir das Ausmaß dessen klar, was uns durch die tschechische Politik angetan wurde. Zahllose Mädchen und Frauen wurden von den Tschechen, den zurück nach Deutschland fliehenden Soldaten und auch den nachrückenden russischen Soldaten misshandelt und vergewaltigt. Es kam zu Massenvergewaltigungen, häufig erschossen die Soldaten ihre Opfer anschließend.  Als die russischen Soldaten auf dem Weg nach Berlin durch unsere Ortschaft Klantendorf zogen und die Häuser beschlagnahmten, wurde meine Großmutter erschossen. Sie stand hinter der Haustüre und beobachtete das verheerende Treiben vor ihrem Haus durch ein kleines Fenster, als ein Schuss sie gezielt niederstreckte. Niemand wusste, ob ein Tscheche, ein Russe oder gar ein Deutscher geschossen hatte. Meine hochschwangere Mutter und mein Großvater wickelten ihren Leichnam in einen Teppich und trugen ihn zum Friedhof. Sie hoben gerade ein provisorisches Grab aus, als drei russische Soldaten hinzukamen und tatsächlich versuchten, meine Mutter zu vergewaltigen. Mein Großvater wollte das verhindern, bekam aber einen Streifschuss am Bauch verpasst. Er hatte Glück, ihm wurde nur die Gürtelschnalle weggeschossen. Kurz danach kam ein russischer Offizier, begutachtete die Leiche meiner Großmutter und schickte die drei Soldaten weg.

    Im Dezember 1945 kam meine Schwester Walburga zur Welt.

    Anfang Mai 1946 wurden wir mit vielen anderen Deutschstämmigen aus der Heimat vertrieben. Nach Anordnung der tschechischen Verwaltung hatten wir 24 Stunden Zeit, das Nötigste zusammen zu packen, maximal 20 Kilo pro Person. Meine Mutter nutzte die Zeit, um zusammen mit Vera eine größere Menge Mehlschwitze, im Sudetenland hieß das Einbrenne, zuzubereiten und in Einmachgläser abzufüllen.  Mit dieser Ersatznahrung wurden meine Schwester und ich während des Transports am Leben gehalten. In einem Nachbarort trieb man uns mit Waffengewalt in Viehwaggons, in denen wir wochenlang in Richtung Westen unterwegs waren. Mehrere Hundert Menschen waren hier zusammengepfercht wie die Tiere.  Viele Jahre später erzählte mir meine Mutter, wie sie gesehen habe, dass junge Frauen ihre Säuglinge aus dem Zug geworfen hätten, mit der Begründung, dass die Säuglinge gestorben waren. Meine Mutter hatte jedoch gesehen, dass die Säuglinge noch lebten. Auf der anderen Seite konnte sie die jungen Mütter verstehen, die alleine mit ihrem Säugling in diesem Viehwaggon ein hoffnungsloses Dasein fristeten, jeglicher Hoffnung beraubt, stattdessen voller Angst vor einer unklaren Zukunft.

    Im Zug soll es auch unter den Vertriebenen zu Vergewaltigungen gekommen sein.

    Bei jedem kurzen Aufenthalt, wenn die Dampflokomotive Wasser tanken musste, strömten die Menschen ins Freie, um von den Wiesen Gras zu essen. Alle litten Hunger und waren sehr traumatisiert. Viele haben auch aus den Wasserfässern getrunken, ungeachtet der Tatsache, dass ein Ölfilm auf dem Wasser schwamm.

    Meine Familie bestand aus meiner Mutter mit 34 Jahren, meinem Großvater mit 70 Jahren, den beiden Waisenkindern Vera, zwölf Jahre und Adolf, 14 Jahre sowie meiner Schwester mit fünf Monaten und mir, damals knapp zwei Jahre alt. Wir waren unglaublich froh, als wir nach wochenlangem Transport in Furth im Walde bei Hof in Bayern ankamen und endlich die Viehwaggons verlassen konnten. Wir wurden von amerikanischen Soldaten empfangen, entlaust und mit Kleidung und Verpflegung versorgt. Im Nachhinein gesehen hatten wir großes Glück, dass wir nicht in der damaligen DDR, dem Ostsektor Deutschlands, angekommen waren, denn dort wären wir im Hinblick auf die politischen Entwicklungen vom Regen in die Traufe geraten und hätten viele Jahre in der DDR leben müssen.

    Von mehreren älteren Heimatvertriebenen wurde mir später immer wieder erzählt, dass sie bereits in ihrer Jugend in der Heimat im Sudetenland gehört hatten, alle Deutschen sollten früher oder später aus dem Land vertrieben werden. Für viele Tschechen war dies Grund genug, die Deutschen schon jahrelang vor dem Krieg zu schikanieren. Und mit Hilfe der Benesch-Dekrete wurde die systematische Vertreibung der Sudetendeutschen im Jahr 1946 amtlich legitimiert. Es folgten Enteignungen, seelische und körperliche Gewalt wie Folter und Vergewaltigung sowie erschwerte humanitäre Bedingungen. Die zahlreichen Berichte über Misshandlungen schmerzen die heutigen nachfolgenden Generationen noch immer. Wir wurden vertrieben, mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität. Und diese Vertreibung sollte nicht vergessen werden.

    In diesem Zusammenhang empfehle ich folgende Literatur. Die Vertreibung von Peter Glotz. Frauen und Vertreibung von Brigitte Neary, sowie Zeitzeugen berichten aus dem Kuhländchen vom Verein, Alte Heimat vom Gerhard-Hess-Verlag.

    Seiten

    • Datenschutz
    • Fotogalerie
    • Impressum
    • Start

    Kategorien

    • Allgemein

    Archiv

    • Oktober 2026
    • September 2026
    • August 2026
    • Juli 2026
    • Mai 2026
    • April 2026
    • März 2026
    • Februar 2026
    • Januar 2026
    • Dezember 2025
    • November 2025
    • Oktober 2025
    • September 2025
    • August 2025
    • Juli 2025
    • Juni 2025
    • Mai 2025
    • April 2025
    • März 2025
    • Februar 2025
    • Januar 2025
    © Copyright - Norbert Leipert
      • Impressum
      • Datenschutz
      Link to: Mein inneres Labor Link to: Mein inneres Labor Mein inneres Labor Link to: Das Tor zur Freiheit Link to: Das Tor zur Freiheit Das Tor zur Freiheit
      Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen

      Diese Seite verwendet Cookies. Mit der Weiternutzung der Seite, stimmst du die Verwendung von Cookies zu.

      Einstellungen akzeptierenVerberge nur die BenachrichtigungEinstellungen

      Cookie- und Datenschutzeinstellungen



      Wie wir Cookies verwenden

      Wir können Cookies anfordern, die auf Ihrem Gerät eingestellt werden. Wir verwenden Cookies, um uns mitzuteilen, wenn Sie unsere Websites besuchen, wie Sie mit uns interagieren, Ihre Nutzererfahrung verbessern und Ihre Beziehung zu unserer Website anpassen.

      Klicken Sie auf die verschiedenen Kategorienüberschriften, um mehr zu erfahren. Sie können auch einige Ihrer Einstellungen ändern. Beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Auswirkungen auf Ihre Erfahrung auf unseren Websites und auf die Dienste haben kann, die wir anbieten können.

      Notwendige Website Cookies

      Diese Cookies sind unbedingt erforderlich, um Ihnen die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen zur Verfügung zu stellen.

      Da diese Cookies für die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen unbedingt erforderlich sind, hat die Ablehnung Auswirkungen auf die Funktionsweise unserer Webseite. Sie können Cookies jederzeit blockieren oder löschen, indem Sie Ihre Browsereinstellungen ändern und das Blockieren aller Cookies auf dieser Webseite erzwingen. Sie werden jedoch immer aufgefordert, Cookies zu akzeptieren / abzulehnen, wenn Sie unsere Website erneut besuchen.

      Wir respektieren es voll und ganz, wenn Sie Cookies ablehnen möchten. Um zu vermeiden, dass Sie immer wieder nach Cookies gefragt werden, erlauben Sie uns bitte, einen Cookie für Ihre Einstellungen zu speichern. Sie können sich jederzeit abmelden oder andere Cookies zulassen, um unsere Dienste vollumfänglich nutzen zu können. Wenn Sie Cookies ablehnen, werden alle gesetzten Cookies auf unserer Domain entfernt.

      Wir stellen Ihnen eine Liste der von Ihrem Computer auf unserer Domain gespeicherten Cookies zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen können wie Ihnen keine Cookies anzeigen, die von anderen Domains gespeichert werden. Diese können Sie in den Sicherheitseinstellungen Ihres Browsers einsehen.

      Andere externe Dienste

      Wir nutzen auch verschiedene externe Dienste wie Google Webfonts, Google Maps und externe Videoanbieter. Da diese Anbieter möglicherweise personenbezogene Daten von Ihnen speichern, können Sie diese hier deaktivieren. Bitte beachten Sie, dass eine Deaktivierung dieser Cookies die Funktionalität und das Aussehen unserer Webseite erheblich beeinträchtigen kann. Die Änderungen werden nach einem Neuladen der Seite wirksam.

      Google Webfont Einstellungen:

      Google Maps Einstellungen:

      Google reCaptcha Einstellungen:

      Vimeo und YouTube Einstellungen:

      Einstellungen akzeptierenVerberge nur die Benachrichtigung