Meine Vorfahren waren sehr musikalisch. In den Familien in unserem Ort wurde bei jeder sich passenden Gelegenheit musiziert. Mein Großvater,1876 in Wien geboren, arbeitete hauptsächlich als Dirigent und beherrschte mehrere Instrumente. Es gelang ihm, seine Geige bei der Vertreibung mitzunehmen. Neben der Geige konnte er auch Tuba und Trompete spielen, was er auch nach der Vertreibung in verschiedenen örtlichen Vereinen gemacht hat. In diesen Vereinen war er sehr begehrt und anerkannt, denn er hatte ein umfangreiches, musikalisches Wissen. Zu Hause spielte er nur auf seiner Geige, ich hörte ihm als Kind immer sehr fasziniert zu.

Nachdem der lange Zug mit den Vertriebenen aus dem Sudetenland endlich in Deutschland angekommen war, atmeten wir alle auf. Am Grenzübergang in Furth im Wald wurden wir sehr freundlich von den Amerikanern empfangen. In diesem Moment dachte niemand an die schreckliche Zeit, die hinter allen lag. Insbesondere nicht an die sexuellen Übergriffe der vergangenen Monate gegenüber den Mädchen und Frauen. Doch auch die amerikanischen Soldaten waren nicht nur sehr hilfsbereit und nett, insbesondere zu den Mädchen und Frauen, sie machten keinen Hehl daraus, dass auch sie ihre sexuellen Bedürfnisse hätten. Meine Mutter stellte sich oft schützend vor die jungen, hilflosen Frauen, denen die Amerikaner aus dem Zug halfen. Und mein Großvater stellte sich wiederum schützend vor meine Mutter, und vor unsere 14-jährige Vera, unserem Waisenkind, die zu unserer Familie gehörte. Dieser Schutz war insbesondere bei der sogenannten Entlausung in den großen Gemeinschaftsduschen notwendig.

Es ist Sonntag, der 1. Juni 2025. In den Medien wurde über den Brünner Todesmarsch vor 80 Jahren berichtet und im öffentlichen Fernsehen kamen noch lebende Zeitzeugen zu Wort. Dieser Todesmarsch war dem NS-Regime geschuldet, aber auch der Hassrede, die Edvard Benesch am 13. Mai 1945 in Brünn auf dem Rathausbalkon gehalten hatte. Diese Rede war der Auftakt eines großen Dramas, der kollektiven Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Der von Benesch entfachte Hass richtete sich auch gegen Unschuldige. Deutsche wurden als Untermenschen gebrandmarkt. Sie waren vogelfrei und konnten nach Belieben verletzt, beraubt und vergewaltigt werden. Diese schlimmen Zustände zeigen auf, was gezielt geschürter Hass anrichten kann. Es wurde auch von ethnischer Säuberung gesprochen.

Es ist Ostermontag im April 2025. Ich sitze auf einer Hotelterrasse auf Teneriffa, genieße den strahlenden Sonnenschein und denke in großer Dankbarkeit über mein Leben nach und die Erfahrungen, die ich sammeln durfte.

Der Herbst 1946, also das Jahr unserer Vertreibung, neigte sich dem Ende, und der Winter stand vor der Tür, da kam eines Tages meine Mutter mit einer lebenden Gans nach Hause. Woher sie das Federvieh hatte und was sie dafür eingetauscht hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls lebte diese Gans fortan bei uns in der Wohnstube. Jeden Abend kniete meine Mutter über sie und schob ihr mit Gewalt Maiskörner in den Schnabel. Es war eine schlimme Tierquälerei, doch sie zeigte Erfolg. Die Gans wurde fett und nur das war für uns wichtig. Denn so kamen wir an Weihnachten in den Genuss eines Gänsebratens wie in der Heimat. Und wir Kinder hatten noch bis Ostern das fette Gänseschmalz auf unseren Broten.

Unsere entbehrungsreiche Fahrt in den Viehwaggons führte uns zunächst in das Grenzdurchgangslager im bayerischen Furt im Wald und bald danach ging der Transportzug weiter in das Auffanglager Friedland. Dort nahm unsere ungewisse Zukunft ihren Lauf. Das Auffanglager Friedland bekam später die Bezeichnung „Tor zur Freiheit“. In Wirklichkeit war es eine Ansammlung trostloser, sehr spartanisch eingerichteter Barackenbauten. Aber wir waren froh, nicht mehr in engen Viehwaggons vegetieren zu müssen. Wir bekamen etwas zu essen und hatten eine Schlafmöglichkeit in einem großen Schlafsaal, den wir uns teilen mussten mit vielen fremden Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen hier angekommen waren. Glücklicherweise trafen wir hier auch immer wieder Menschen aus unserer alten Heimat, die durch die Vertreibung ebenfalls hier gelandet waren. In diesem Lager verbrachte meine Familie einen trostlosen Sommer, bevor uns das Schicksal beziehungsweise die deutsche Nachkriegs-Verwaltung in einem Dorf namens Rohrbach bei Sinsheim in Baden-Württemberg unterbrachte.

Ich wurde bei strahlendem Sonnenschein im Juli 1944 um 15:25 Uhr in Wagstadt im Sudetenland in eine kriegerische Welt hinein geboren. Ich konnte es mir nicht aussuchen. Welche Ängste meine Mutter während dieser Schwangerschaft ausgestanden hatte kann ich nur erahnen. Heute weiß man, dass solche Gefühle gravierende Auswirkungen auf das noch ungeborene Leben haben können. Sie sind wie eine Art seelischer Rucksack, den meine Mutter mir unfreiwillig mit auf meinen Lebensweg geben hat. Welche längerfristigen, psychischen und physischen Auswirkungen der Zeitpunkt meiner Geburt und die danach einsetzende Verfolgung und Vertreibung auf mein Leben hatten, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Was ich hingegen weiß ist, dass es in meiner Kindheit, Jugend und dem Älterwerden öfter Momente gab, in denen ich nicht ein und aus wusste. Laut den Erzählungen meiner Mutter, meines Großvaters und vielen älteren Heimatvertriebenen war die Zeit nach meiner Geburt für alle im Sudetenland lebende Deutschstämmige sehr schwierig und mit vielen Ängsten und Schikanen behaftet.

Das Unterbewusstsein hat immer einen Plan Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass ich vieles nur mit mir selbst klären kann und ja – auch muss. Und so hat sich in mir eine Art Institution etabliert, die ich am ehesten wie eine Art inneres Tagebuch oder besser noch wie ein inneres Labor beschreiben kann, in welchem ich mich regelmäßig aufhalte, um darin zu forschen und zu experimentieren. Meistens begebe ich mich am Abend in mein inneres Labor, um den erlebten Tag Revue passieren zu lassen. Ich habe ganz konkrete Vorstellungen, wie dieses Labor aussieht. Im Grunde ähnelt es einem Büro, dessen Fußboden und Wände in Lila gehalten sind.

Ich sitze zu Hause in meinem Büro und freue mich, dass ich in diesem schönen und wohlhabenden Deutschland leben kann. Ich denke nach über mein Leben, lasse die jüngsten Gespräche mit guten Freunden Revue passieren, die noch nicht im Ruhestand sind, und die aufgrund der politischen Verhältnisse in unserem Land mit vielen Sorgen und Nöten umzugehen haben. In solchen Momenten spüre ich große Dankbarkeit für meine jetzige Lebenssituation. Ich freue mich, dass ich mit den wenigen Möglichkeiten, die mir als Kind zur Verfügung standen, mein Leben in recht erfolgreiche Bahnen lenken konnte – und das oft ohne fremde Hilfe.

Im Jahr 1980, also vor heute 45 Jahren, habe ich für ein Schulzentrum im Schwarzwald eine alternative Heizungsanlage geplant und nach der Devise „weg von fossilen Brennstoffen“ ausschließlich mit Erdwärme und Sonnenenergie beheizt. Dieses Pilotprojekt war damals einzigartig und wurde von einer begeisterten Presse begleitet.