Erinnerungen.
Es gibt Erinnerungen, die einfach bleiben und die immer präsent sind. Es sind besondere Erinnerungen, die mich emotional berühren und die ich in keinem Schuhkarton oder in Schrank, der auf dem Dachboden stehen könnte, suchen müsste. Erinnerungen, die einfach in Geist und Seele bleiben und immer vorhanden sind. Oft sind sie tragisch und schmerzen. Aber es gibt auch viele, über die man lachen kann und die sehr humorvoll sind. Manche Erinnerungen verblassen leider etwas, sind aber dennoch immer wertvoll. Ich könnte sagen, das Papier wird gelb, die Farben verblassen, und im schlimmsten Fall kleben einige Erinnerungen irgendwann zusammen. Aber diese Erinnerungen müssen nicht gerettet werden. Sie sind und bleiben präsent und jederzeit abrufbar. Ich muss diese Bilder nicht einscannen, die Beleuchtung muss nicht richtig eingestellt sein. Ich brauche dazu keinen Film, kein Smartphone und keinen Fotoapparat. Ich muss diese Bilder nicht sortieren. Ich kann sie jederzeit erzählen. Ein Fotobuch oder ein Projektor ist nicht notwendig. Und wenn ich sie nicht erzählen will, dann können diese Momente in meinem Geist Revue passieren. Dann sind diese Schätze nur in meinem inneren Paradies vorhanden. Und wenn ich will, hole ich die Vergangenheit ins digitale Zeitalter. Und hinter jeder besonderen Erinnerung steckt meistens eine vollständige Geschichte. Und es lohnt sich, einige dieser Erinnerungen, die sich fest eingebrannt haben, niederzuschreiben und festzuhalten. Im Folgenden möchte ich eine Auswahl dieser ganz besonderen Erinnerungen teilen.
Das Wunder von Bern
Am 4. Juli 1954 wurde Deutschland Fußball–Weltmeister in der Schweiz. Ich war fast zehn Jahre alt und stand mit mehreren gleichaltrigen Buben im Hof der Wohnanlage in Pforzheim-Brötzingen, die wenige Monate zuvor von mehr als 500 Menschen bezogen worden war. Es waren alles Vertriebene, überwiegend aus dem Sudetenland. Die Nachbarn saßen bei meist geöffneten Fenstern vor den Radios. Deutschland spielte gegen Ungarn um die Fußball Weltmeisterschaft. Wir hörten im Hof die Rufe, das Geschrei und den überglücklichen Jubel der Menschen, als Helmut Rahn das Siegtor schoss. Und als das Spiel zu Ende war, tobte die Welt um uns herum. Damals war mir nicht bewusst, wieso die Menschen so glücklich waren. Heute weiß ich, dass dieser Sieg für die Bevölkerung in Deutschland sehr wichtig war. Nach Kriegsende lag das ganze Land am Boden. Die Menschen fühlten sich minderwertig nach einem verlorenen Krieg. Viele hatten großes Leid erlitten, Angehörige verloren oder sind in Gefangenschaft geraten. Dieser Fußball-Sieg war für alle wie eine Auferstehung. Ein Ventil hat sich geöffnet. „Ab jetzt sind wir wieder jemand“, brüllten die Menschen aus den offenen Fenstern und um uns herum, „jetzt sind wir nicht mehr nur die, die den Krieg angefangen und verloren haben.“ Wir Buben sahen nur glückliche, ja vor Glück weinende und schreiende Menschen. Und wir Buben weinten einfach mit. Tränen überströmt standen wir auf der Straße, wussten aber nicht so richtig, warum. Wir ließen uns von dieser Euphorie einfach mitreißen. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen.
Kirschen aus Nachbars Garten
In der Zeit, als die Kirschen reif waren, kletterte ich mit einem Freund auf einen Kirschbaum, der in der Nähe unserer Schule stand. Wir aßen Kirschen und füllten unsere Taschen. Plötzlich spürte ich an meinen Füßen starke Hände, die mich nach unten zogen, und eine männliche Stimme schrie: „Ihr Sau-Flüchtlinge!“ Es war der Gärtnermeister Kamm, dem die Bäume gehörten. Als wir beide auf dem Boden standen, bekamen wir Schläge ins Gesicht. Er packte uns in sein Auto und fuhr zum Polizeirevier auf dem Brötzinger Marktplatz. Dort gab er alles zu Protokoll und unsere Familien wurden verständigt. Ich fühlte mich in dieser Situation wie ein Schwerverbrecher. Nach über einer Stunde kam meine Mutter und holte mich ab. Zuvor musste sie ein Schriftstück unterschreiben, dass sie für den entstandenen Schaden aufkommen würde. Meine Mutter verpasste mir vor den Augen der Polizisten mehrere Ohrfeigen, dann gingen wir nach Hause. Die Angelegenheit verlief im Sande. Wir haben nie etwas gehört, meine Mutter musste auch keinen Schadenersatz leisten. Aber ich denke immer daran, wenn ich an einem Kirschbaum vorbeikomme.
Heimweh
Vor vielen Jahren haben meine Frau und ich eine Reise nach Kanada unternommen. Ich hatte das starke Bedürfnis, Vera, das ehemalige Waisenkind unserer Familie und meine seelische Mutter wiederzusehen. Sie war 1960 mit ihrem Mann Walter nach Kanada ausgewandert. Sie hatte einfach genug von Deutschland, dem Sudetenland, den Nachwirkungen von Krieg und Vertreibung, sowie den ständigen Benachteiligungen der Sudetendeutschen. Wir waren über einen Monat in Kanada zu Besuch und hatten eine sehr angenehme Zeit. Kurz vor unserer Rückreise fuhren wir zusammen ans Meer und übernachteten bei ihren Freunden in einer Hütte direkt am Meer. Nach reichlichem Alkoholgenuss sangen wir Lieder aus Deutschland und Europa. Ich stimmte das Kufstein-Lied aus Österreich an, da brach Walter, Veras Mann, Prof. Dr. für Psychologie mit Lehrstuhl an einer Universität in Kanada und Lehrer des Buddhismus, plötzlich in Tränen aus. Das Heimweh hatte ihn bei diesem Lied regelrecht übermannt. Sein Heimweh nach Deutschland und Europa hielt auch am Tag an. Er war total von der Rolle. Später erzählte er uns, dass er mit dem Älterwerden ein starkes Heimweh nach Deutschland verspürte und gerne wieder zurück nach Deutschland gehen würde. Auch wir waren sehr betrübt, dass wir mit unserer Gesangseinlage diese Situation unbeabsichtigt provoziert hatten.
Angst vor Hunden
Als Kind im Alter von circa fünf Jahren wurde ich auf einem Bauernhof in Rohrbach von einem Schäferhund in die rechte Pobacke gebissen. Ich hatte eine blutende Wunde, die von meiner Mutter mit Jod versorgt wurde. Seitdem habe ich großen Respekt vor jeglicher Art Hund und mag er noch so klein sein.
Wurstzipfel für den Hund
Meine Familie war sehr arm und wir wurden 1953 nach Pforzheim übergesiedelt. Dort schickte mich meine Mutter wöchentlich zum Metzger in der Nachbarschaft, um für 50 Pfennige eine Tüte Wurstzipfel zu kaufen. Einmal kam ich in den Laden und es waren mehr als zehn Kunden in diesem Geschäft. Ich wäre schon an der Reihe gewesen, aber ich hielt mich zurück, weil ich mich schämte. Die Inhaberin hat es wohl bemerkt und rief mir zu: „Norbert, willst du wieder die Tüte Wurstzipfel für euren Hund abholen“, was ich ihr bestätigte. Sie wusste genau, dass wir keinen Hund hatten und dass die Wurstreste in der Tüte Nahrung für meine Familie war. Die Frau des Metzgers schenkte mir die Tüte, sie nahm die 50 Pfennige nicht an. Das habe ich ihr nie vergessen und ihr bei jeder passenden Gelegenheit in der Metzgerei hinter der Ladentheke bei Reinigungsarbeiten ohne Belohnung geholfen. Aber dafür schenkte sie mir immer wieder eine volle Tüte Wurstzipfel „für unseren Hund“. Die Frau des Metzgers war eine gebürtige Pforzheimerin und hat bei dem Bombenangriff auf Pforzheim mehrere Familienmitglieder verloren. Zu uns Vertriebenen war sie sehr nett und hat uns menschlich sehr viel geholfen.
Späte Genugtuung
Als ich circa 14 Jahre alt war, habe ich während des Unterrichts in der Brötzinger Schule einen Liebesbrief an eine Klassenkameradin geschrieben. Unser Klassenlehrer Kraft, den wir wegen seines lauten Atems den Schnorchel nannten, bemerkte dies und nahm mir den Brief weg. Nachdem er ihn selbst gelesen hatte, las er ihn der gesamten Klasse vor. Für alle Buben und Mädchen in der Klasse war dies eine große Gaudi. Aber ich wäre am liebsten in den Boden versunken.
An den Lehrer Kraft habe ich weitere, unangenehme Erinnerungen. Im Geschichtsunterricht lehrte er uns, dass die Sudetendeutschen Schuld seien am Ausbruch des Krieges. Dies sei im Münchner Abkommen manifestiert. Ich konnte damals nichts damit anfangen.
Viele Jahre später bei einer Klassenfeier saß ich am Tisch von Lehrer Kraft. Er fragte uns, da wir ja zwischenzeitlich über 30 Jahre alt waren, was denn so aus uns geworden sei. Ich erzählte ihm, dass ich zwischenzeitlich verheiratet bin, vier Jahre Soldat bei der Luftwaffe war, den Pilotenschein in der Tasche hatte, Elektrotechnik studiert hatte und seit 1972 ein selbständiges Ingenieurbüro führen würde. Während ich dann die Festrede an diesem Abend gehalten habe, befragte Schnorchel die anderen Teilnehmer am Tisch, ob denn das alles, was ich erzählt hätte, auch stimmen würde. Nachdem ich meine Rede beendet hatte, stand Schnorchel auf und sagte ganz laut, so dass es alle hören konnten: „Also Leipert, mit dem Bisschen, was du damals in der Schule im Kopf hattest, hast du es doch weit gebracht.“ Ob dies ein Kompliment für einen Sudetendeutschen Vertriebenen gewesen sein sollte, hatte ich damals nicht verstanden.
Hauptsache satt
In den Nachkriegsjahren habe ich mit meinem Großvater viel Essbares gesammelt, im Grunde alles, was essbar war. Dazu zählten alle Sorten von Beeren, Pilzen, Haselnüssen, Kastanien, Obst, Gemüse und Bucheckern. Wir waren in Not. Alle hatten Hunger. Mein Großvater kannte sich sehr gut mit Pilzen aus. Aber er sammelte auch giftige Pilze. Die wurden dann von meiner Mutter in einer Pfanne gebraten. Dadurch verloren die Pilze das Gift. Wir haben alle davon gegessen, niemand wurde krank, aber alle waren satt.
Die seelische Not der Vertriebenen
Im Dezember 1953 sind wir in die Wohnanlage für Vertriebene in Pforzheim Brötzingen eingezogen. Wenige Wochen danach standen meine Mutter, meine Schwester und ich mit unserer Nachbarin auf der zweiten Etage im Treppenhaus. Die Nachbarin schloss ihre Wohnungstüre auf, und wir sahen alle, dass sich ihr Ehemann an der Küchentüre erhängt hatte. Alle Bemühungen durch einen Arzt waren zwecklos. Er war tot. Wir alle waren sehr geschockt und ließen zusammen mit der Nachbarin unseren Tränen freien Lauf. Ihr Mann war gerade 60 Jahre alt. Seine Frau erzählte meiner Mutter, dass ihr Ehemann die Vertreibung mit den verlorenen Gütern im Sudetenland und die Nachkriegs Situation seelisch nicht mehr verkraften konnte und seit Jahren keinen Schlaf mehr gefunden hatte.
Ich erinnere mich an meinen Schulfreund Dieter Schwarz. Seine bildschöne Schwester hat als Schauspielerin mehrere Rollen zusammen mit Heinz Rühmann gedreht. Dieter hat sich nachts bei einem epileptischen Anfall ein Stück des Mittelfingers an der linken Hand abgebissen. Ein weiterer Schulfreund, Dieter Schubert, hat sich in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern das Leben genommen. Irgendwie haben wir in der Nachkriegszeit alle etwas abbekommen. Meine Schulfreundin Heide Deike wurde in ihrer Wohnung in der Amalienstraße von einem Freigänger des Gefängnisses Pforzheim mit einem Messer ermordet. Heide Deike war ich besonders verbunden. Sie hatte mich zu meinem ersten Rhetorikseminar in der Erwachsenenbildungsstätte Klaus von Flüe in Münsterschwarzach vermittelt.
Nebentätigkeiten
In mir gab es eine Haltung, die wohl aus meiner Kindheit und Jugend stammt, dass ich in meiner freien Zeit etwas Nützliches tun musste, nicht zuletzt, um damit auch die Finanzlage aufzubessern. So habe ich noch 1968 während meiner Militärzeit sonntags mit meiner damaligen Freundin Jutta Weinbergschnecken gesammelt. Diese lieferten wir dann an der Sammelstelle der französischen Kaserne am Buckenberg in Pforzheim ab und bekamen eine D-Mark für ein Kilo Weinbergschnecken. Meistens reichte dieser Erlös für zwei halbe Hähnchen im Lokal Wiener Wald. In den Semesterferien nach meiner Militärzeit habe ich im historischen Rokokko-Theater in Schwetzingen als Elektriker und Kulissenschieber gearbeitet. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Ensemble des Gärtner-Theaters aus München sowie an die Auftritte der Opernsängerin Ingeborg Hallstein in verschiedenen Rollen und Opern.
Ein Geschäftspartner
Die Erinnerung an ihn hat mich viele Jahre belastet. Ich habe mit ihm zu Beginn meiner selbstständigen Tätigkeit circa zehn Jahre eng zusammen gearbeitet. Eines Tages erzählte er mir, dass er in seiner Jugend intensiv das Verhalten von Käfern erforscht habe. Dieses Erforschen, so erzählte er weiter, erfolgte in der Form, dass er einem Maikäfer ein Bein ausriss und das Verhalten des Käfers mit dann fünf Beinen beobachtete. Danach riss er täglich ein weiteres Bein aus, bis sich der Käfer ohne Beine nicht mehr fortbewegen konnte. Ich war entsetzt und bezichtigte ihn der Tierquälerei. Von da an wurde mir sein negatives Verhalten gegenüber unseren Mitarbeitern, Kunden und Handwerkern immer klarer und ich habe mich entschlossen, mich von ihm zu trennen. Und ich bin noch heute sehr froh darüber.
Die Musik
Die Erinnerung daran, dass ich in meiner Kindheit und Jugend keine musikalische Ausbildung erhalten habe, schmerzt mich heute noch. Insbesondere, da ich aus einer musikalischen Familie stamme. Mein Großvater war Dirigent, mein Vater war Organist und meine Mutter hat Altsopran gesungen.
Ich bekam zwar von meinem vierten Lebensjahr an Gegenunterricht von meinem Großvater, doch dauerte der nur drei Jahre. Von meinem siebten Lebensjahr an hab ich die Geige nicht mehr angerührt. Bei meinem Großvater haben die pädagogischen Fähigkeiten wohl deutlich abgenommen. Lag es am Alter, lag es an den zwei Kriegen, die er überstanden hatte, lag es an der Vertreibung, an der Erschießung seiner Frau oder an der Armut, die auch er ertragen musste? Ich weiß es nicht. Spielte ich einen falschen Ton, so höre ich noch heute seine Stimme: „Norbert, Fis habe ich gesagt!“ Und dann schlug er mir mit dem Geigenbogen auf die Innenseite meiner Hand. Der Unterricht war beendet. Für die Familie war klar, dass der Bub leider unmusikalisch ist.
Diese aufgeführten, besonderen Erinnerungen sind sehr wichtig für mich und haben mein Leben begleitet. Sie haben mich geprägt und über viele Situationen hinweg geführt. Diese Erinnerungen sollen Sterne für mich sein, die mich auch weiterhin begleiten.
