Mutter
Maria Leipert brachte mich am 26. Juli 1944 um 15:35 Uhr im Krankenhaus in Wagstadt im Sudetenland zur Welt. Ich war alles andere als ein Wunschkind. Aber ich hatte Glück, denn im Haus meiner Großeltern, in dem auch meine Mutter lebte, lebte auch das Waisenkind Vera Bartusek, deren Mutter aus Ostrau, dem heutigen Ostrava, ihre Tochter Vera meinen Großeltern gegen Entgelt zur Pflege, Betreuung und Erziehung übergeben hatte. Vera wurde am 19. November 1932 geboren und war zum Zeitpunkt meiner Geburt fast zwölf Jahre alt. Sie entwickelte ausgeprägte mütterliche Gefühle und kümmerte sich sehr um mich. Sie versorgte und betreute mich, sodass ich zu Vera innigere Gefühle entwickelte als zu meiner leiblichen Mutter. Zu Vera hatte ich bis zu ihrem Tod am 19. Januar 2020 eine ganz besonders innige Verbindung. Sie war für mich meine seelische Mutter.
Meine Mutter wurde am 28. Mai 1912 im Sudetenland geboren und starb am 4. März 1991 in Pforzheim. Sie war bei meiner Geburt 32 Jahre alt. Drei Jahre zuvor hatte sie eine Fehlgeburt, weil mein Vater Stefan Zeisberger sie zu einer Abtreibung gedrängt hatte. Am 20. Dezember 1945 kam dann meine Schwester Walburga auf die Welt. Der Vater war ebenfalls Stefan Zeisberger.
Meine Mutter war der Musik sehr verbunden und hat mit ihrem herrlichen Altsopran vielen Menschen Freude bereitet. Das erste Mal hörte ich sie im Alter von circa fünf Jahren, als sie anlässlich der Hochzeit meiner Patentante Ermelinde Forgatsch in der Kirche in Eppingen das Ave Maria sang. Ich war einfach begeistert, wie man als Kind nur begeistert sein konnte.
Durch die politischen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, dem NS–Staat, dem Münchner Abkommen 1938 mit der Sudetenkrise, dem Zweiten Weltkrieg sowie der Vertreibung 1946 aus dem Sudetenland wurde die Kindheit und Jugend meiner Mutter schwer belastet. Erschwerend hinzu kam, dass sie seit ihrem 18. Lebensjahr ein Verhältnis mit dem um 25 Jahre älteren Stefan Zeisberger hatte. Stefan Zeisberger, mein Erzeuger, war ein vermögender Großgrundbesitzer und hatte meiner Mutter sowie ihren Eltern mehrfach die Ehe versprochen. Stattdessen hat er meine Mutter als junge Geliebte über 15 Jahre benutzt und ausgenutzt. All die Jahre über beteurte er immer wieder, dass er sich scheiden lasse und meine Mutter heiraten werde. Und meine Mutter ließ sich leider von seinen Versprechungen hinhalten und machte dieses Spiel mit. Vielleicht waren es die politischen Verhältnisse, die Angst vor der katholischen Kirche, die Blamage in der Öffentlichkeit, die Angst vor ihrem Elternhaus oder war es die totale Verliebtheit in den Mann, der dann ihr Leben ruinieren sollte? Ich weiß es nicht. Aber das Resultat nach der Vertreibung war, dass sie zwei uneheliche Kinder von Stefan Zeisberger hatte und er die Verantwortung für sie und ihre Kinder verweigerte, womit er meine Mutter und uns Kinder in tiefste Armut und Hoffnungslosigkeit trieb ohne jegliche finanzielle und moralische Unterstützung.
Trotzdem war meine Mutter ab Mai 1946, während und nach der Vertreibung, als wir in Westdeutschland ankamen, für uns alle in der Familie der Fels in der Brandung, an den sich fünf Menschen, mein Großvater, Vera und der Waisenjunge Adolf, sowie meine Schwester und ich geklammert haben. Sie sorgte für Schlafmöglichkeiten und Essen und Trinken. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten beschützte sie uns und regelte die notwendigen organisatorischen Dinge, die wir zum Überleben brauchten. Sie beschützte uns auch während der Vertreibung als andere junge Mütter, die nicht so stark waren, ihre Säuglinge aus dem fahrenden Zug warfen. Meine Mutter musste viel Leid in ihrem jungen Leben ertragen. Viele ihrer Träume gingen nicht in Erfüllung.
Im Sudetenland herrschten autoritäre Verhältnisse, sicher auch durch die politischen Ereignisse begründet, und mit Demütigungen und Benachteiligungen der sudetendeutschen Bevölkerung durch die Regierung und die tschechische Bevölkerung verbunden.
Wenige Tage vor ihrem dritten Geburtstag wurde ihr Vater Franz Leipert, mein Großvater, zum Heeresdienst des ersten Weltkrieges eingezogen. Nach drei Jahren kam er, gezeichnet vom Krieg, zurück nach Hause. 20 Jahre später erlebte sie, wie ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder Franz Leipert zur Luftwaffe während des Zweiten Weltkrieges einrücken musste. Sie erlebte die Auswirkungen des NS–Regimes, musste sich als junge Frau gegen Vergewaltigungen durch Tschechen wehren und war 27 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg mit all seinen verheerenden Konsequenzen ausbrach. Meine Mutter erlebte den Einmarsch der deutschen Soldaten mit all den Gräueltaten und Vergewaltigungen, die damit verbunden waren. Sie erlebte den Rückzug der deutschen Soldaten von Russland kommend und danach die russischen Soldaten, die durch das Sudetenland Richtung Berlin unterwegs waren, mit all ihren Verbrechen und Vergewaltigungen gegenüber der deutschen Bevölkerung.
Sie wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet und musste für die tschechische Bahn ohne Lohn arbeiten. Meine Mutter musste verkraften, dass ihre Mutter, meine Großmutter, vor der Haustüre durch einen Kopfschuss getötet wurde, und es wurde nie untersucht, wer meine Großmutter erschossen hatte. Als sie mit meinem Großvater zusammen auf dem Friedhof ihre Mutter beerdigen wollte, kamen vier junge russische Soldaten und wollten meine Mutter vergewaltigen. Als mein Großvater seine Tochter beschützen wollte, erhielt er von den russischen Soldaten einen Streifschuss am Bauch. Ein russischer Offizier mit deutschen Sprachkenntnissen kam zufällig auf dem Friedhof vorbei und hat meine Mutter vor dem Schlimmsten bewahrt.
Ein dreijähriger Junge, der auch als Vollwaise im Haus meiner Großeltern lebte, ist beim Spielen in einen Bach gefallen und ertrunken. Er wurde einfach beerdigt, niemand kümmerte sich um sein Schicksal. Die Menschen haben sich auf die Vertreibung vorbereitet.
Meine Mutter war schon vor der Vertreibung, vom Leben und Schicksal gezeichnet, denn sie musste sich nach dem Tod ihrer Mutter um alles im Haus und Hof kümmern. Von ihrem Liebhaber, also meinem Vater, bekam sie keine Unterstützung, denn er musste sich um seine eigene Familie kümmern. Sein Sohn Alfred ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt.
Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, dass sie sich zu dieser Zeit dem Schicksal ausgeliefert gefühlt habe, dass sie ausgenutzt, geschlagen und betrogen wurde und von vielen Nachbarn und Mitbewohnern im Ort als Maîtresse des Großgrundbesitzer Stefan Zeisberger beschimpft wurde.
Wenige Tage vor der Vertreibung hat meine Mutter zusammen mit meinem Großvater alles, was wertvoll war wie Geschirr, Besteck, Vasen, Bilder, Musikinstrumente und Gegenstände der Erinnerung im Fußboden des Gartenhauses, sowie auf dem Feld hinter der Kirche vergraben. Von allen Seiten wurde die Hoffnung geäußert, dass es eine baldige Rückkehr geben würde, denn niemand konnte sich vorstellen, dass diese Vertreibung für immer sei. Aber diese Vertreibung war für immer. Keiner der Vertriebenen konnte je zurück in seine Heimat. Nach dem Lagerleben in Bayern und dem Lager Friedland lebten wir viele Jahre bei mehreren Landwirten in Rohrbach bei Sinsheim. Und für meine Mutter wurde das Leben immer dramatischer. Ihre Abneigung gegenüber Männern nahm immer mehr zu nach all den Erfahrungen, die sie mit Stefan Zeisberger gemacht hatte. Sie entwickelte einen Hass auf alles Maskuline und reagierte diesen an mir ab, indem sie mir häufig Schläge verpasste. Heute denke ich oft an die Aussage von Astrid Lindgren, dass man in Kinder nichts hinein prügeln, aber vieles heraus streicheln könne. Ich denke immer wieder an einen einheimischen Nachbarn in Rohrbach, der meine Mutter provozierte, indem er behauptete, die Sudetendeutschen wären Schuld am Krieg gewesen, nur deshalb sei der Krieg überhaupt ausgebrochen, woraufhin meine Mutter einen Stock zur Hand nahm und wie besessen auf diesen Nachbarn einprügelte. Diese Attacke blieb zum Glück ohne Folgen.
Da meine Mutter jetzt mit 35 Jahren eine attraktive Frau war und unser Waisenkind Vera zwischenzeitlich 17 Jahre alt war, mussten sich beide viele Jahre gegen sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen schützen. Mein Großvater hat im Rahmen seiner Kräfte oft zum Schutz beigetragen.
Der Waisenjunge Adolf, der in unserer Familie lebte und mit uns vertrieben wurde, arbeitete in Rohrbach bei einem Landwirt und wurde von diesem sehr oft geschlagen. Nach einigen Monaten hatte er sich in der Scheune des Landwirtes durch Erhängen das Leben genommen. Auch dies war ein harter Schlag für meine Mutter. Der Tod von Adolf blieb ohne Folgen, obwohl meine Mutter beim zuständigen Bürgermeister vorstellig wurde. Es war ja wieder nur ein Vertriebener.
Mein Großvater bekam Prostatakrebs, ich hatte mehrere Krankenhausaufenthalte in Sinsheim. Meine Mutter war unsere Stütze. Sie arbeitete bei einem Förster im Wald und musste sich auch ihm gegenüber sexuellen Übergriffen wehren. Ein Gärtnermeister, der einen großen Gärtnereibetrieb bewirtschaftete, kam regelmäßig in unseren Ort, um landwirtschaftliche Erzeugnisse an den einzigen Lebensmittelladen im Ort zu liefern. Bei der Gelegenheit lernte er meine Mutter kennen und machte ihr schließlich einen Heiratsantrag. Er hatte aber die Bedingung, dass meine Schwester und ich dann in ein Kinderheim eingeliefert werden sollten. Dies lehnte meine Mutter kategorisch ab, womit diese Heirat ins Wasser fiel.
Im Dezember 1953 zogen wir mit dem wenigen Hab und Gut, das wir hatten, nach Pforzheim, in eine vom Krieg nahezu vollständig zerstörte Stadt. Hier sollte nun unser neues Leben, unsere neue Zukunft beginnen. Meine Mutter mit ihren jetzt 41 Lebensjahren war psychisch labil und mit allem überfordert. Statt Erziehung oder Vorbereitung auf das Leben, gab es nach wie vor viel Schläge. Trotzdem schaffte sie es, die jetzt kleiner gewordene Familie, in der uns zur Verfügung gestellten Flüchtlingswohnung in Brötzingen zu versorgen, mit allem, was wir zum Leben brauchten. Großvater, meine Schwester und ich, wir waren noch da. Adolf war tot und Vera arbeitete als Sekretärin in einer Fabrik, die Strümpfe herstellte.
Meine Mutter arbeitete als Straßenbahn–Schaffnerin, in mehreren Versandhäusern und in einigen Schmuckfabriken. Sie musste Geld verdienen, um uns alle mit dem Nötigsten zu versorgen. In einer Schmuckfabrik arbeitete sie an einer Stanzpresse. Durch ihre ständige Übermüdung verletzte sie sich dabei an dem linken Zeigefinger. Im Krankenhaus wurde ihr deshalb ein Stück des Zeigefingers amputiert. Oft stand sie am Fenster und weinte. Später gestand sie mir, dass sie in diesen Momenten überlegte, sich das Leben zu nehmen. Sie tat es nicht, weil sie an uns dachte. Ich habe später mehrere Menschen kennen gelernt, deren Mütter sich in der Nachkriegszeit das Leben genommen haben. Ich bin meiner Mutter dankbar und halte ihr zu Gute, dass sie trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen und den vielen menschlichen Enttäuschungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr viel Gutes für uns getan hat. Wenn es um unsere Familie ging, war sie stark. Auch wenn ich das damals und viele Jahre später nicht erkennen konnte und auch nicht verstanden habe. Sie hätte ein schöneres und leichteres Leben haben können, wenn sie die Angebote zu einer Heirat angenommen hätte und uns, meine Schwester und mich, in einem Kinderheim untergebracht hätte. Ich bin ihr dankbar, dass sie uns nicht während der Vertreibung aus dem fahrenden Zug geworfen hat. Heute weiß ich, wie viel Kraft es meine Mutter gekostet hat, die alleinige Verantwortung für die ganze Familie zu tragen und ihre eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen.
Alles, was ich als Kind und Jugendlicher ertragen habe, insbesondere die Schläge, habe ich verkraftet. Vielleicht ist dies aus heutiger Sicht gesehen wenig gegenüber dem, was sie in ihrem Leben ertragen musste. Auch meine Lehrzeit als Elektroinstallateur, die ich nicht wollte, zu der ich aber von ihr gezwungen worden bin, ist aus heutiger Sicht wohl die Grundlage zu meinem schönen Leben in Wohlstand. Und es schmerzt mich, dass ich meiner Mutter dies nicht mehr persönlich sagen konnte.
Meine Mutter wurde nicht einfach als starke Frau geboren. Sie entwickelte – mit all ihren Nachteilen – ihre Stärke aufgrund der Stürme des Lebens, die sie überstehen musste.
