Fenster der Seele.
Während meiner regelmäßigen Meditationen konzentriere ich mich auf mein Unterbewusstsein. In diesem Fenster meiner Seele habe ich mir eine Art inneres Labor eingerichtet, das ich in einem früheren Blog bereits ausführlich beschrieben habe. In diesem inneren Labor finde ich seit vielen Jahren Lösungen für Themen und Probleme, die mich im realen Leben begleiten.
Nach einem erholsamen Urlaub auf Mallorca habe ich vor einigen Tagen wieder einmal mit einer entspannenden Meditation mein Unterbewusstsein aufgesucht. Wie gewohnt, betrat ich mein inneres Labor durch eine große, stets fest verschlossene Türe. Und wie immer waren Wände und Fußboden in der Farbe lila gehalten. Durch die große Fensterfront bot sich mir ein weiter Blick auf hohe Berge. Ich befand mich in meinem Arbeitsbereich und erkannte, dass auf dem Flip-Chart immer noch das Wort „Telomere“ stand. Ich hatte diesen Begriff, mit dem ich mich seit längerer Zeit beschäftige, bei meinem letzten Besuch dort notiert, verbunden mit der Bitte um Ratschläge für ein gesundes und insbesondere längeres Leben. Eine Antwort habe ich bisher nicht erhalten. An dem Tisch in der Besprechungsecke saßen zwei Personen; und ich erkannte meine vor zwei Jahren verstorbene Schwester Walburga sowie ihren seit über 30 Jahren verstorbenen Ehemann Robert. Beide sahen mich erwartungsvoll an, aber Zuneigung konnte ich in ihren Gesichtern nicht erkennen. Ich war nicht überrascht, die beiden hier in meinem Labor anzutreffen, denn ich habe in den letzten Monaten viel an sie gedacht und mich insbesondere mit meiner Schwester gedanklich auseinandergesetzt. In unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend wurde meine Schwester immer bevorzugt von meiner Mutter behandelt. Ich fand das immer sehr ungerecht und habe das Walburga viele Jahre mehr oder weniger bewusst nachgetragen. Unabhängig davon habe ich, nachdem Robert verstorben war, meine Schwester lange Zeit finanziell unterstützt, was sie allerdings wie selbstverständlich angenommen hatte ohne sich dafür zu bedanken. Auch Robert wurde während seiner selbstständigen Tätigkeit von mir mit einer finanziellen Bürgschaft unterstützt, womit eine drohende Insolvenz abgewendet werden konnte. In letzter Zeit habe ich meine Schwester oft in meinem Labor, also in meinem Unterbewusstsein getroffen. Ich habe den Eindruck, dass ich mit ihr noch etwas abzuschließen hätte, das mich viele Jahre belastet hat. Ich begrüßte also die beiden und beschloss spontan, einen Schlussstrich unter unser angespanntes verwandtschaftliches Verhältnis zu ziehen. Erledigt.Ich fühlte mich irgendwie befreit.
Dann ging ich an der Bibliothek vorbei und sah den Tod, also den Herrn Gevatter, wie er in den alten Büchern studierte. Ich hatte den Eindruck, dass er mich im Moment nicht sehen und sprechen wollte.
Im hinteren Teil meines Labors, in dem sogenannten Experimentierbereich, leuchteten mehrere Bildschirme. Und auf jedem dieser Bildschirme erschien das Wort „Telomere“, dahinter jeweils ein Fragezeichen – und keine Antwort. In der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, ging ich zum Paternosteraufzug, aus dem in diesem Moment mehrere Personen in mein Labor traten. Einige davon schienen mir bekannt zu sein. Der Löwe vor dem Aufzug muss diese Personen auch gekannt haben, denn er blieb ruhig liegen, was mich verwunderte.
Ich fuhr mit dem Aufzug nach unten, tiefer in mein Unterbewusstsein. Je tiefer es ging, umso aufgeregter wurde ich, mein Herz pochte wie wild. Ich hatte Angst, denn ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Es war sehr dunkel, als ich auf der untersten Ebene den Aufzug verließ. Ich befand mich in einer dunklen Höhle, wie in einer Art Tropfsteinhöhle. Dann erkannte ich einen großen See. Im Wasser tummelten sich Krokodile und sehr große, dicke Schlangen. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich anstarrten. Meine Angst nahm zu, ich wollte so schnell wie möglich hier wieder weg. Plötzlich sah ich Menschen auf der Wasseroberfläche. Ich erkannte meine Mutter, meinen Vater und meinen Großvater. Auch sie starrten mich an und bewegten sich langsam zwischen den Tieren im Wasser. Ich war irritiert und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Meine Mutter hielt ein Holzkreuz in ihrer rechten Hand. Ich konnte diese Situation absolut nicht einordnen und verspürte immer noch den starken Drang, diesen Ort wieder zu verlassen. Die Tür zum Aufzug ließ sich jedoch nicht öffnen. Ich fühlte mich wie gefangen. Im Hintergrund sah ich eine Menschenmenge, einzelne Personen konnte ich nicht erkennen. Meine Mutter, mein Vater und mein Großvater hatten plötzlich ganz entspannte Gesichter und lächelten mich an und auch die Schlangen und Krokodile schienen mich grinsend anzuschauen. Ich wurde ruhiger. Und langsam beschlich mich ein Gefühl, als wäre ich hier zu Hause. Alles war plötzlich harmonischer, ich fühlte mich wohl und war froh, hier zu sein, denn ich erkannte, dass alles, was sich mir darbot, in mir, im Grunde genommen ich selbst war. Ich fühlte, dass ich mich hier in dieser dunklen, unbekannten Welt ganz tief in meinem Unterbewusstsein befand und dass diese Welt offensichtlich zu mir gehörte.
Im nächsten Moment befand ich mich wieder in meinem Labor direkt vor der Bibliothek, in der immer noch der Herr Gevatter vor einem aufgeschlagenen Buch stand. Lächelnd zeigte er auf die aufgeschlagene Seite, und ich erkannte, dass dort in Großbuchstaben unter dem Wort „Telomere“ folgender Text stand:
Jeder will ein langes Leben, aber wie heißt das Geheimrezept? Und gibt es überhaupt ein Geheimrezept? Oder liegt das von allen erwünschte lange Leben in der Hand der Schöpfung?
Der Herr Gevatter lächelte immer noch und ich wusste jetzt, warum ich auf meine Frage bezüglich „Telomere“ bislang noch keine Antwort erhalten hatte. Alle Bildschirme waren nun aus und auch der Flip-Chart bot nur noch eine weiße Fläche, meine Schwester und ihr Mann Robert waren aus meinem Labor verschwunden.
Ich habe die Antwort verstanden. In jungen Jahren war ich oft sehr traurig über das schlechte verwandtschaftliche Verhältnis zu den beiden. Heute weiß ich, das Schlimmste ist die Traurigkeit über sich selbst.
Nach diesem tiefen Blick durch ein Fenster in meine Seele kehrte ich glücklich in die reale Welt zurück. Ich habe erkannt, dass ich mit Geduld und Demut auf die Antworten aus meinem Unterbewusstsein warten muss.
