Meine Sicht auf die Geschichten die das Leben geschrieben hat

Als ehemaliger Inhaber eines Ingenieurbüros in Pforzheim bringt Norbert Leipert nicht nur fundiertes technisches Wissen, sondern auch eine zukunftsweisende Denkweise mit. Seine Arbeit fokussiert auf innovativen Lösungen, die den Anforderungen einer modernen, sich ständig weiter entwickelnden Welt gerecht werden. Gleichzeitig sieht er es als seine Aufgabe, die jüngere Generation zu fördern, indem er seine Lebensweisheiten und beruflichen Erfahrungen mit jungen Menschen teilt. Mit einem klaren Blick für Details, einem Gespür für Effizienz und einer besonderen Leidenschaft für die Vermittlung von Wissen setzt er neue Maßstäbe in der heutigen Zeit.
Im Alter von 13 Jahren haben mich die Umstände des Lebens aus meiner Kindheit gerissen. Ich musste nach dem ausdrücklichen Willen meiner Mutter einen technischen Beruf erlernen, obwohl mir das nicht lag. Ich hatte jedoch keinerlei Mitspracherecht. Auch wenn ich immer wieder beteuerte, dass mich Elektrotechnik nicht interessiere und ich diesen Beruf nicht erlernen wolle, wurde ich von meiner Mutter massiv gedrängt, diese dreijährige Lehrzeit zu beginnen, damit ich einen soliden Berufsabschluss habe, wie sie sagte. Der Gedanke, diese Lehre anzutreten stimmte für mich überhaupt nicht. Ich wurde gezwungen, einen Beruf zu erlernen, der nicht zu meinen Vorstellungen passte. Doch es blieb mir nichts anderes übrig, als meine unguten Gefühle hintenan zu stellen und mich dem Druck meiner Mutter zu beugen. Vielleicht habe ich diese Lehre meiner Mutter zuliebe begonnen, vielleicht war es auch aus Angst vor Schlägen, sollte ich mich weigern. Ich war halt ständig auf der Suche nach Anerkennung, Lob und Streicheleinheiten.
Nachdem ich mein 40. Lebensjahr überschritten hatte und die von mir gegründete Ingenieurgesellschaft seit Jahren erfolgreich und etabliert am Markt agierte, wurde ich von Vertretern des örtlichen Rotary Club sowie des örtlichen Lions Club angesprochen, ob ich Mitglied werden möchte. Von beiden Seiten wurde mir mitgeteilt, dass ich von meiner beruflichen und persönlichen Qualifikation her in ihre Clubgemeinschaften passen würde. Ich erbat mir Bedenkzeit, da ich mich mit den Zielen der Clubs vertraut machen wollte. Während dieser Bedenkzeit wurde ich unverhofft von einem langjährigen Mitglied der Schlaraffia Porta Hercyniae in Pforzheim, Herrn Wolfgang Leppert, angesprochen, ob er mein Interesse wecken könne, der Schlaraffia beizutreten. Er erklärte, dass seine Frau mich empfohlen hätte, die mich, wie er sagte, bei einem Seminar in englischer Sprache als humorvollen Menschen kennen gelernt habe.
Nachdem wir im Dezember 1953 von Rohrbach bei Sinsheim nach Pforzheim umgesiedelt waren, wurde ich umgehend in der Brötzinger Volksschule in Pforzheim in die vierte Klasse eingeschult. Mein Klassenlehrer war bis zum 28. März 1958 Herr Kraft. Er bekam von uns den Spitznamen „Schnorchel“, weil er beim Atmen und vor allem beim Sprechen sehr laut die Luft einsog. Herr Kraft war circa 50 Jahre alt und ganz offensichtlich mit dieser großen Klasse von 45 Mädchen und Buben total überfordert. Auch hatte nicht nur ich den Eindruck, dass er unter den Folgen des 2. Weltkrieges, vor allem der Bombardierung und Zerstörung von Pforzheim, sehr gelitten hat. In unserem Klassenzimmer befand sich neben der Tafel ein Spind, in dem Herrn Krafts Mantel hing, und in welchem er auch seinen Bambusstock deponiert hatte. Diesen Bambusstock benutzte er sehr häufig und schlug damit bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf mich und meine Klassenkameraden ein. Mit uns Buben aus dem Sudetenland hatte er ein besonderes Problem. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass wir die Schläge nicht nur wegen eines Fehlverhaltens unsererseits bekamen, sondern vor allem, weil es ihm eine gewisse Genugtuung bereitete, uns zu quälen. Ja, ich hatte oft das Gefühl, dass es ihm geradezu Freude machte, mich zu erniedrigen. Dabei hatten wir Kinder aus dem Sudetenland es durch die Vertreibung und das jahrelange Leben, als widerwillig Geduldete im Dorf – in meinem Fall in Rohrbach – doch ohnehin schon sehr schwer. Und auch innerhalb der Familie standen wir immer erst an zweiter Stelle. Wir mussten die Hände auf den Tisch legen, wenn Erwachsene am Tisch saßen und sich unterhielten, durften wir erst sprechen, wenn die Erwachsenen uns dies erlaubt hatten. Diese damals üblichen rigiden Erziehungsmethoden schienen meinem Klassenlehrer Herr Kraft in die Karten zu spielen. Mein damals schon sehr ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl wurde während meiner Schulzeit in Brötzingen nur noch weiter ausgebaut und gefestigt.
