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Norbert Leipert

    Eine Träne in meinem Unterbewusstsein

    Wie ich bereits in einem meiner vorherigen Blogs ausgeführt habe, besuche ich häufig während einer Meditation mein Unterbewusstsein. Dort habe ich eine Art inneres Labor eingerichtet, in welchem ich seit vielen Jahren immer wieder Lösungen für Probleme gefunden und auch Glück und Entspannung erfahren habe. In diesem inneren Labor bearbeite ich mein bisheriges Leben, um daraus Antworten für die Gegenwart zu finden. Diesen Austausch mit meinem Unterbewusstsein praktizierte ich in früheren Jahren nahezu täglich. Inzwischen besuche ich mein Labor nur noch zwei bis dreimal pro Woche, nur in Zeiten des Glücks oder auch der Traurigkeit suche ich mein Labor täglich auf.

    Ein denkwürdiger Besuch in meinem inneren Labor, der schon mehrere Jahre zurückliegt, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. In seinem Verlauf habe ich die Kraft meines Unterbewusstseins außergewöhnlich stark empfunden.

    An diesem Tag hatte ich mit großen Problemen zu kämpfen. Es fing damit an, dass ich eine Absage für einen von mir erhofften, großen Planungsauftrag für mein Ingenieurbüro erhalten habe. Weiter ging es mit der Nachricht, dass zwei meiner leitenden Diplomingenieure gleichzeitig gekündigt hatten, weil sie sich gemeinsam selbstständig machen wollten und damit zu einer Konkurrenz für mein Unternehmen werden würden. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, verwechselte mein Chauffeur beim Verlassen der Waschanlage die Bremse mit dem Gaspedal und fuhr meinen Wagen über eine kniehohe Mauer einen Wiesenabhang hinunter. Es ging weiter mit der telefonischen Nachricht, dass mein Lieblingsverwandter Johann an diesem Tag verstorben sei und schlussendlich führte ich am Abend ein Telefonat mit meiner Schwester, in dessen Verlauf wir uns über das Verhalten unserer Mutter gestritten hatten. Meine Schwester vertrat die Ansicht, unsere Mutter habe ihre guten Gründe dafür gehabt, uns nicht zu sagen, wer unser Vater war. Auch dieses Telefonat hatte mich sehr belastet, zumal ich während meiner Kindheit und Jugend fast täglich erlebt habe, wie meine Schwester von meiner Mutter bevorzugt wurde.

    Ich hatte also genügend Anlass, mein inneres Labor aufzusuchen, und ich hatte das dringende Bedürfnis, dem Tod, also dem Herrn Gevatter, wie ich ihn immer nenne, all die Ereignisse des heutigen Tages zu berichten. Sobald ich die nötige Ruhe gefunden hatte, tauchte ich in meine innere Welt ein. Der vor dem Paternosteraufzug liegende Löwe sprang auf und begrüßte mich freudig. Am Beratungstisch saßen meine Mutter und meine Schwester und unterhielten sich angeregt miteinander. Ich ging weiter in die große Bibliothek voller Regale mit alten Büchern. Dort traf ich auf meinen Herrn Gevatter. Ich hatte den Eindruck, dass er hier auf mich gewartet hatte und war sehr froh, ihn anzutreffen. Wie immer stand er eingehüllt in seinen langen, dunklen Umhang vor mir, über den Kopf hatte er eine Kapuze gestülpt. Ich begrüßte ihn mit Herr Gevatter, woraufhin er mir seine rechte Knochenhand zur Begrüßung reichte. Dann erzählte ich ihm alles, was ich an diesem Tag erlebt hatte und was mich bedrückte, auch gestand ich ihm, dass ich schon mehrmals während des Tages eine Sehnsucht verspürt hatte, ihn zu treffen. Diese Sehnsucht nach dem Tod, das weiß ich heute, war eine Art von Flucht vor den Problemen, die mir dieser Tag beschert hatte. Ich hatte mehrere Enttäuschungen erlebt und musste schmerzlich von meinen Erwartungen an Menschen oder an Situationen abrücken. Aber nun stand ich vor meinem Herrn Gevatter, der für mich im Laufe der vielen Jahre zu einer Art Klagemauer geworden war. Angelehnt an ein Bücherregal hörte er mir ruhig und konzentriert zu. Nachdem ich ihm all meinen Sorgen und Nöten vorgebracht hatte, wandte er mir seinen Totenkopf direkt zu und da sah ich, wie aus seiner rechten Augenhöhle eine Träne über die knöcherne rechte Wange lief. Ich erschrak im ersten Moment, doch dann überkam mich ein wohliges Gefühl. Ich spürte sein Mitgefühl, ich spürte, dass er mit mir litt. Gleich danach wandte sich Herr Gevatter ab und verschwand in der dunklen Tiefe der Bibliothek. Doch plötzlich war die Bibliothek von einem strahlenden Licht durchflutet, das bis in die Tiefen meiner Seele drang. Von einem Moment auf den anderen breitete sich Erleichterung in mir aus. Ich hatte dem Tod alles Belastende mitgeteilt und ihm damit quasi übergeben. Für mich bedeuteten seine Träne und die plötzliche Helligkeit in der Bibliothek ein Zeichen der Freude und ein Zeichen, dass sich alles zum Guten wenden würde, und dass ich in der profanen Welt all die belastenden Themen meistern würde. Mich überkamen eine große Erleichterung und auch eine große Dankbarkeit dafür, dass ich in meinem Inneren die Möglichkeit habe, belastende Themen loszuwerden und Lösungen zu finden.

    Auf dem Weg zurück aus meinem inneren Labor sah ich, dass meine Mutter und meine Schwester nicht mehr am Beratungstisch saßen. Ich löste meine Meditation langsam auf und kehrte in die reale Welt zurück.

    Später erzählte ich meiner Frau von der Begegnung mit Herrn Gevatter in meinem Unterbewusstsein. Sie beglückwünschte mich zu diesem Erlebnis und meinte, dass auch sie dieses meditative Ereignis als ein Zeichen sehen würde, dass sich alles zum Guten wenden würde.

    Und so kam es dann auch. Meine Schwester rief mich ein paar Tage später an und sagte, dass sie noch lange über unser Telefonat nachgedacht habe und mir Recht geben müsse, was das Verhalten unserer Mutter betreffe. Die beiden Diplom Ingenieure, die gekündigt hatten, boten mir ihre weitere Hilfe für die nächsten Jahre an und tatsächlich haben wir mehrere Jahre lang erfolgreich miteinander kooperiert. Mein Fahrzeug wurde per Kran gehoben und abgeschleppt. Nach vier Wochen hatte ich ein neues Auto. Und einige Monate später wurde mir mitgeteilt, dass der abgesagte Großauftrag gar nicht realisiert wurde. Stattdessen bekam ich von diesem Auftraggeber in den kommenden Jahren mehrere andere Planungsaufträge.

    Für mein weiteres Leben habe ich aus dieser Erfahrung eine wichtige Erkenntnis erhalten: In jeder Enttäuschung steckt auch etwas Positives. Enttäuschung ist immer auch das Ende einer Täuschung.

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