Vermächtnis
In den vergangenen Jahren habe ich von vielen Seiten erfahren, dass sich Menschen darüber beklagen, zu wenig über ihre Vorfahren und deren Geschichte zu wissen. Darüber also, woher sie kommen, beziehungsweise über den Ursprung ihrer Familie. Irgendwann habe ich mir diese Fragen auch gestellt und angefangen, Notizen zu machen. Dabei musste ich feststellen, dass ich wohl in jüngeren Jahren versäumt hatte, mich bei den damals noch lebenden Vorfahren nach deren Geschichte zu erkundigen. Ich wusste also wirklich nicht viel. Und das Bisschen, was ich wusste, stellte mich nicht zufrieden.
Das nahm ich zum Anlass, mein bisheriges Leben aus meiner Sicht niederzuschreiben. Ich habe also versucht, eine Art biografisches Vermächtnis zu erstellen. Und alles, was ich geschrieben habe und was ich noch schreiben werde, gehört in dieses biografische Vermächtnis. Denn ich will etwas hinterlassen, etwas das bleibt, wenn ich einmal nicht mehr auf dieser Welt bin. Nach der Devise: Wer schreibt, der bleibt, habe ich versucht, die Geschichten in mir für andere zugänglich zu machen, sie zumindest anzubieten, damit andere in meinen Schilderungen etwas finden, das sie für ihr Leben verwenden können.
Ich habe selbst immer nach einem Leitfaden für mein Leben gesucht, habe viele Biografien gelesen, um vom Lebenserfolg anderer Menschen zu lernen. Als ich dann anfing, meine Geschichten online zu stellen, also die Fenster und Türen über meine Sicht auf mein Leben weit geöffnet hatte, wurde ich von Freunden, Verwandten und Bekannten immer wieder gefragt, warum ich damit erst im Alter von 80 Jahren angefangen habe. Ich antwortete stets, dass ich darüber nie nachgedacht hatte. Es kam einfach von alleine. Es kam auf mich zu wie ein gefühlter Auftrag. Ich konnte gar nicht anders. Ich stellte fest, dass immer mehr ältere Freunde und Verwandte unsere gemeinsame Welt verließen, aber zu Lebzeiten sich sehr darüber beschwert hatten, dass sie so wenig über ihre Vorfahren und deren Geschichte wissen, und dass sie auch selbst so wenig für ihre nachfolgenden Generationen hinterlassen haben.
Für mich war klar, dass von jedem etwas bleiben muss, auch wenn er nicht mehr auf dieser Welt sein sollte. Beim Nachdenken und Schreiben über mein bisheriges Leben stellte ich einen Akt der Befreiung fest. Obwohl ich dabei alle Fenster und Türen meines Lebens geöffnet habe, fühle ich mich nicht entblößt. Ich sehe es vielmehr als eine Einladung an mich selbst, mich dem eigenen Leben zu stellen. Und ich will damit Türen öffnen, durch die jeder gehen kann, wenn er die Einladung annehmen möchte, sein Leben auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen, woher er kommt. Denn im Grunde ist es für jeden von uns wichtig zu erfahren, wo und wie die Vorfahren lebten. Welche gesundheitlichen Einschränkungen sie hatten. Welche politische Meinung sie vertreten haben. Waren sie Anhänger von Parteien, die dem eigenen Land geschadet haben oder von Nutzen waren? Mit welcher Berufung hatten sie ihr Leben gestaltet? Waren sie arm oder reich? Mussten sie Kriege erleiden oder konnten sie in Frieden leben? Waren sie Herrscher oder Sklaven? Es gibt eine Reihe von Fragen, auf deren Beantwortung die jüngste Generation sicher ein Recht hat. Und deren Vorfahren, also die Eltern, diesem Recht nachkommen und das weitergeben müssten, was sie über ihre Vorfahren wissen. Von meinem Freundes-und Bekanntenkreis weiß ich nur, dass es wenige sind, die diese umfangreichen Informationen bekommen haben. Nicht jeder spricht gerne über die eigene Vergangenheit und seine Vorfahren.
Über meine Vorfahren weiß ich, wie gesagt, leider nur sehr wenig. Bei der Vertreibung aus dem Sudetenland ging vieles verloren oder musste zurückgelassen werden. Ich kenne das Leben meiner Mutter vom Zeitpunkt der Vertreibung bis zu ihrem Tod. Ihre Mutter, also meine Großmutter, wurde während der Kriegswirren im Sudetenland erschossen. Die näheren Umstände ihres gewaltsamen Todes wurden nie aufgeklärt. Meine Mutter hat mir über die 32 Jahre ihres Lebens vor meiner Geburt fast nichts erzählt. Ich habe damals auch wenig gefragt, leider. Ich weiß, dass sie mehrere Jahre ihrer Jugendzeit in Wien verbracht hatte. Ihre Vorfahren lebten in Ungarn und stammten von einem Grafen Forgatsch ab. Ihre Tante Maria, die Schwester ihrer Mutter,lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien an der oberen alten Donau. Diese Tante hatte einen Sohn, der in Wien ein Nachtlokal betrieb, und eine Tochter, die in Wien ein Antiquitätengeschäft führte. Das Leben meines Großvaters kenne ich seit der Vertreibung 1946 bis zu seinem Tod 1961. Ich weiß, dass er auch ungarische Wurzeln hatte und in Wien geboren wurde. Wo er außerhalb des Sudetenlands und Ungarns als Musiker und Dirigent tätig war und wo er Musik studiert hatte, ist mir nicht bekannt. Die Geige, die er mir hinterlassen hat, und die noch heute in meinem Besitz ist, soll ein Nachbau der Geigen von Antonio Stradivari sein. Mein Großvater soll diese Geige in Ungarn erworben haben. Sein Bruder, Karl Leipert,lebte in Innsbruck und war als Heimatdichter und Schriftsteller tätig. Ein weiterer Bruder, Adolf Leipert, lebte nach der Vertreibung in der Nähe von Ingolstadt und war dort beruflich für die katholische Kirche tätig. Er starb als Beifahrer bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Ingolstadt. Meinen Vater oder besser gesagt, meinen Erzeuger, kenne ich nur von Bildern und aus Erzählungen. Der Stammbaum seiner Familie reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück.
Sehr gut erinnere ich mich an meinen Onkel Franz Leipert, den zwei Jahre jüngeren Bruder meiner Mutter. Von ihm weiß ich, dass er während des Zweiten Weltkrieges zur Luftwaffe eingezogen wurde und nach dem Krieg in West Berlin lebte.
Ich hatte zu ihm eine sehr innige Beziehung. In vielen Fällen gab er mir väterliche Ratschläge. Er war in West Berlin nach dem Krieg selbstständig als Spediteur tätig. Unter seinen Fahrzeugen befand sich auch ein Tempo Dreirad Lieferkastenwagen. Mit diesem Fahrzeug transportierte er Waren aller Art zwischen Ost- und West Berlin. Er hat aber auch Menschen, die von Ost Berlin nach West Berlin flüchten wollten, in geschlossenen Särgen über die Zonengrenze befördert. Oft waren diese Särge auch mit frisch geschlachteten Schweinen aus dem Ostberliner Umland beladen, für die hungernden Menschen im eingeschlossenen West Berlin. Bei den Kontrollen an der Zonengrenze machte er den Grenzsoldaten klar, dass die Totenruhe nicht gestört werden dürfe, und somit die Särge geschlossen bleiben müssten. Dieses Argument untermauerte er dann mit einigen Packungen Zigaretten und Kaffee. Beim Transport von Särgen kleideten sich mein Onkel und seine Beifahrer immer ganz in Schwarz. Nicht ohne Stolz erzählte er mir, dass er und seine Mitarbeiter bei diesen Aktionen sehr viel Glück hatten, aber auch ein großes Maß an Angst im Spiel war, erwischt zu werden. Mein Onkel Franz lebte im Stadtteil Reinickendorf mit seiner Frau Anni und Tochter Christa. Er arbeitete viele Jahre bei der Firma Osram in verschiedenen Führungsfunktionen. Im Stadtteil Reinickendorf war er maßgeblich an der Verteilung von geräucherten Fischen an die hungernde Bevölkerung beteiligt. Für die vielen Menschen, denen er geholfen hat, war er eine lebende Legende. Für ihn haben Berliner Bürger den Satz geprägt: Wer Franz Leipert nicht kennt, hat die Welt verpennt. Mein Onkel Franz starb im April 2010 in Berlin im Alter von 96 Jahren. Ich habe lange um ihn getrauert.
Nun hoffe ich, dass ich mit meinem biografischen Vermächtnis sinnvolle Anregungen,insbesondere für junge Menschen, festgehalten habe. Es darf im Leben nicht nur weiter, höher und schneller gehen, es sollte auch etwas Gutes weitergegeben und hinterlassen werden. Wir sollten unsere Erfahrungen und Erlebnisse sinnvoll verarbeiten, um eine eigene Geschichte mit dem Wissen über unsere Vorfahren zu manifestieren. Dass dies wichtig und lohnenswert ist, soll die folgende, für mich besonders ermutigende Rückmeldung einer 65-jährigen Dame zeigen, die mich seit fast 30 Jahren in ihrer Praxis für Physiotherapie betreut. Sie schrieb mir: “Seit vielen Jahren darf ich Sie begleiten, und in dieser Zeit habe ich immer wieder ihre außergewöhnliche Fähigkeit bewundert, sich selbst zu hinterfragen, ohne dabei den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Sie begegnen den Höhen und Tiefen des Lebens mit einer bemerkenswerten Klarheit, Bescheidenheit und Bereitschaft, sich immer wieder neu mit sich selbst und der Welt auseinander zu setzen. Ihre regelmäßigen Blogbeiträge sind Ausdruck dieser besonderen Gabe. Mit großer Feinfühligkeit verbinden Sie persönliche Erfahrungen mit allgemeinen Fragen des Lebens und schaffen es, Gedanken anzustoßen, die weit über das Geschriebene hinausreichen. Es lädt uns Leser ein, inne zu halten, tiefer zu blicken und sich selbst und die Mitmenschen aus einer neuen Perspektive zu betrachten, um den eigenen Gedanken mehr Raum zu geben. Das ist eine sehr seltene und wertvolle Fähigkeit. Die geistige Wachheit, die Offenheit und die Menschlichkeit, die sie all die Jahre bewahrt haben, sind das wahre Jugendelixier und mit ein Vorbild. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich diese Freude am Nachdenken, am Schreiben und am Dialog mit anderen bewahren“. Ganz herzlichen Dank, sehr verehrte Frau S.M.,für diesen bewegenden Text.
In diesem Sinne wünsche ich viel Freude mit den eigenen Vorfahren und der eigenen Geschichte.
