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Norbert Leipert

    Meine Gesundheit und ich

    Heute ist der 3. April 2026. Ich sitze am Pool eines komfortablen Hotels direkt am Meer neben der Strandpromenade auf Mallorca und lese die kurze Geschichte der Menschheit von Harari. Nebenbei betrachte ich die Menschen um mich herum und stelle fest, dass sich auffallend viele von ihnen recht mühsam fortbewegen. Und es ist mehr als die Hälfte der von mir beobachteten Menschen, die Mühe haben, sich von ihren Stühlen oder Liegen zu erheben. Die meisten sind älter als 70 Jahre.

    Erschrocken muss ich mir eingestehen, dass auch ich mit meinem Alter von über acht Jahrzehnten zu dieser Sorte Menschen gehöre, die sich vorsichtig bewegen, um nicht zu fallen, die Hilfe brauchen, um von ihren Plätzen aufzustehen, kurz: die ihre körperlichen Beeinträchtigungen nicht mehr verheimlichen können. Denn wenn ich ehrlich bin, läuft auch bei mir nicht mehr alles so rund wie in jungen Jahren, auch meine Schritte werden langsamer, der Gang unsicherer. Wir sitzen wohl alle im selben Boot und es bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Kreuz beziehungsweise unsere  altersbedingten Einschränkungen zu akzeptieren und zu tragen.

    Apropos Kreuz. Da fällt mir ein, dass am heutigen 3. April 2026 zufällig Karfreitag ist. Wie uns die biblische Geschichte lehrt, hatte an diesem Tag vor gut 2000 Jahren eine Persönlichkeit ein Kreuz getragen und sich sogar daran kreuzigen lassen. Zufälle gibt es!

    Aber zurück zum Thema. Bei meinen Beobachtungen der mehr oder weniger hinfälligen Menschen um mich herum wird mir klar, dass ich mit meinen Beeinträchtigungen von Körper, Seele und Geist durchaus noch sehr zufrieden sein kann. Ich habe vor vielen Jahren gelernt, dass jedes Thema, jede Beeinträchtigung, jeder Nachteil sich von einem Elefanten zu einer Mücke verkleinern kann. Ich will damit sagen, der Elefant quält mich nicht mehr so stark, aber die Mücke piekt schon noch das eine oder andere Mal. Doch damit kann ich sehr gut leben.

    Im Zuge meiner heutigen Überlegungen kommen natürlich auch Erinnerungen an meine vergangenen gesundheitlichen Erlebnisse hoch; also was das Leben mit meinem Körper und meiner Seele über acht Jahrzehnte so alles angestellt hat und was ich in dieser Zeit verkraftet und ausgehalten habe. Davon möchte ich im Folgenden nun ein wenig erzählen.

    Nach der Vertreibung 1946 und während der Nachkriegsjahre ergaben sich für mich eine Reihe von krankheitsbedingten Krisen, die ich als Kind mehr unbewusst weggesteckt habe, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich dachte, dass diese Beeinträchtigungen Normalität wären und einfach zum Leben dazugehörten. Und wenn ich meine Familie richtig verstanden habe, dann war in diesen Jahren das blanke Überleben angesagt. Die bittere Armut, in der wir lebten, ermöglichte uns oftmals nicht einmal das Nötigste, wie beispielsweise ein paar Schuhe. So war ich während des Sommers stets barfuß unterwegs. Und selbstverständlich erfüllte ich auch meine täglichen Pflichten stets mit bloßen Füßen. Zu diesen Pflichten gehörte, dass ich gut gefüllte Wassereimer ungefähr einen Kilometer weit bis zu unserem Gemüsegarten, der etwas außerhalb von Rohrbach lag, tragen musste. Das führte nicht nur zu starken Schmerzen in den Füßen. Heute weiß ich, dass ich mir durch die ständige Überbelastung Senk-, Spreiz und Knickfüße sowie ein Überbein an beiden Fußrücken zugezogen habe. Während einer Kartoffelernte habe ich mir den rechten Knöchel durch Umknicken verletzt. Der Fuß bekam für circa drei Wochen einen Gips, trotzdem spürte ich die Schmerzen noch Jahre später. Für die kalte Jahreszeit hatte ich zwar ein paar Schuhe, allerdings waren die immer zu klein. Das führte im Laufe der Jahre zu einer Deformierung der Zehen, sogenannten Hammerzehen.

    Für meine malträtierten Füße bekam ich, nachdem wir 1953 in Pforzheim angesiedelt worden waren, vom Orthopäden Plastikeinlagen verordnet. Wie im übrigen viele meiner Schulkameraden in der Brötzinger Schule. Wir waren halt die Nachkriegs Generation, die geprügelte Generation. Für uns hatte niemand Geld, Zeit oder Mitleid. Das kam dann erst viele Jahre später. Für meine kaputten Füße war es da jedoch schon zu spät. An diesen Beeinträchtigungen habe ich trotz unzähligen Physio Behandlungen, Einlagen und Medikamenten mein Leben lang gelitten.

    Vor diesem Hintergrund habe ich großes Verständnis für all die älteren Menschen, die ich eingangs beschrieben habe. Sie mussten vermutlich während ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit ähnliche Entbehrungen in Kauf nehmen.

    Aber nicht nur wir Kinder, auch die Erwachsenen trugen körperliche Schäden davon. Ich bekam viele Jahre später, als meine Mutter auf meine Unterstützung angewiesen war, und ich sie zu Ärzten und Orthopäden begleiten musste, einen Eindruck davon. Auch sie hatte gewaltige Schäden an ihren Füßen und Zehen und konnte im Alter nur noch mühsam mit einer Gehhilfe gehen. Wir haben in Sanitätshäusern die speziell für sie angefertigten Schuhe für ihre geschundenen Füße besorgt. In diesen Momenten spürte ich großes Mitleid mit ihr.

    Nach Aussage meiner Mutter hatten meine Schwester und ich so ziemlich alles, was es an Kinderkrankheiten gab. Sie zählte Masern, Röteln, Windpocken und Scharlach auf. Die Ärzte meinten, dies sei der durch die Mangelernährung verursachten Immunschwäche zuzuschreiben und bei Nachkriegskindern keine Seltenheit. Als besonders krasses Beispiel führten sie stets die spanische Grippe an, die nach dem Ersten Weltkrieg ausgebrochen war und Millionen Menschen das Leben kostete.

    Ich hatte oft Fieber und in einem Jahr fünf mal schwere Angina. Meine Mandeln waren sehr stark geschwollen und vereitert, so dass ich keine Nahrung mehr zu mir nehmen konnte. Im Krankenhaus Sinsheim wurden daraufhin meine Mandeln entfernt. Laut Aussage der Ärzte hätte ich sonst eine Herzmuskelentzündung bekommen können.

    Ich hatte auch Bandwürmer und ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass meine Mutter einmal versucht hatte, einen Bandwurm, der circa zehn Zentimeter aus meinem After herausragte, heraus zu ziehen. Dies misslang und der Bandwurm riss ab.

    Es folgten weitere Krankenhausaufenthalte in Sinsheim. Ich hatte mir beim Sturz von einem Sackkarren eine zehn Zentimeter lange Wunde am rechten Schienbein zugezogen. Etwas später, im Alter von sieben Jahren, musste ich mich einer schwierigen Operation unterziehen. Zwischen meinen Hoden und dem After hatte sich eine große Geschwulst gebildet, welche operativ entfernt werden musste. Die Ärzte informierten meine  Mutter, dass  diese OP eventuell eine Zeugungsunfähigkeit zur Folge haben könnte.

    Mein gesundheitlicher Zustand in den Nachkriegsjahren hat mich in meiner Kindheit sehr geprägt, aber auch meine Familie in Schach gehalten.

    Während der kommenden Jahrzehnte meines Lebens hatte ich neben einer Blinddarm Operation mehrmals mit Nierensteinen zu kämpfen. Jahrelang wurde meine Gastritis behandelt und der Tinnitus meldete sich mehrmals pro Jahr im rechten Ohr.

    Hinzu kam ein Hämorrhoiden Leiden, das ich wohl von meiner Mutter geerbt habe und das vor gut 40 Jahren operiert wurde. Seitdem suche ich jährlich einen Proktologen auf.

    Schon in meiner Jugend wurde eine Unterfunktion der Schilddrüse festgestellt und vor ungefähr 50 Jahren mittels einer  Radiojodtherapie behandelt, die vor gut 20 Jahren wiederholt wurde. Seitdem lebe ich mit einer entsprechender Medikation.  Ebenfalls seit meiner Jugend habe ich Probleme und Einschränkungen im Bereich meiner Halswirbelsäule. Zwei Halswirbel sind von Geburt an zusammengewachsen. Die Ärzte nennen dies ein Klippel-Feil-Syndrom. Dies könnte bereits im Mutterleib vor der Geburt entstanden sein und zwar durch übermäßiges Zusammenschnüren des Schwangerschafts Bauches, was im Falle meiner Mutter wohl so gewesen ist. Sie wollte ihre uneheliche Schwangerschaft mit mir auf diese Weise so lange wie möglich verbergen. Auch Gehörschäden können dadurch verursacht werden, was vielleicht ein Grund ist für meine seit mehr als 30 Jahren bestehende Schwerhörigkeit, die ich zum Glück mittels Hörgeräten gut kompensieren kann.

    Wegen einer Spinalkanal Stenose wurden vor fünf Jahren im unteren Bereich meiner Wirbelsäule zwei Wirbel zwecks Entlastung des Nervenkanals operativ versteift.

    Seit meinem 30. Lebensjahr ließ ich jährlich meine Prostata untersuchen, denn ich habe erlebt, wie mein Großvater 1961 an Prostatakrebs gestorben ist. Im Mai 2020 wurde dann prompt auch bei mir ein Karzinom festgestellt. Daraufhin erfolgte die operative Entfernung der Prostata.

    Im Jahr 2017 entdeckte mein Kardiologe bei einer Herzkatheteruntersuchung eine Stenose im Hauptstamm meines Herzens. Dies hatte sich zuvor durch Angina pectoris angekündigt. In einer Notfall-Operation im Herzzentrum Lahr wurden mir zwei Bypässe eingesetzt. Im September 2021 erhielt ich einen Herzschrittmacher. Im Februar 2026 wurde im Rahmen einer Herzkatheteruntersuchung im Hauptstamm meines Herzens ein Stent eingesetzt.

    Altersbedingt wurde 2024 der Graue Star an beiden Augen operiert. Ebenfalls 2024 wurde im linken Knie wegen Arthrose eine Teilprothese unter der Kniescheibe eingesetzt.

    Da schlafbezogene Atemstörungen zu Herzinsuffizienz, Schlaganfall und weiteren Erkrankungen führen können, habe ich mich auf Verordnung von Ärzten in ein Schlaflabor begeben. Nach zwei Nächten im Schlaflabor wurde ein ausgeprägtes Schlafapnoe-Syndrom festgestellt. Seit 2021 benutze ich deshalb beim Schlafen eine Beatmungsmaske mit einem Schlafapnoe Gerät.

    Über diese zahlreichen Krankheiten und Gebrechen könnte ich nun lamentieren und mich beim Schicksal oder dem lieben Gott darüber beklagen. Aber würde das etwas nützen? Oder ist es nicht sinnvoller, dies alles als ein normales Leben unter den gegebenen Umständen zu betrachten, so wie ich es in der Kindheit getan habe? Damals kannte ich es nicht anders. Einschränkungen und Schmerzen waren etwas ganz Alltägliches und das nicht nur bei mir, sondern auch bei den Menschen in meinem näheren Unfeld. Ich habe damals nichts anderes gelernt oder vorgelebt bekommen. Wichtig ist, dass ich alles überstanden habe. Dafür bin ich dankbar und auch für unsere heutige Medizin und deren Fortschritt sowie für unsere begnadeten Ärzte. Ich hoffe, dass meine Elefanten weiterhin zu Mücken werden und das auch bleiben und dass mein Körper, meine Seele und mein Geist weiterhin gut auf das Älterwerden vorbereitet sind. Vielleicht können meine geschilderten Erfahrungen anderen Menschen hilfreich sein. Ich jedenfalls bin dankbar, dass ich in der heutigen Zeit leben darf. Und ich bin trotz all der schweren und schmerzhaften Erfahrungen sehr froh, zufrieden und glücklich. Und natürlich hoffe ich, dass dies noch möglichst lange so bleibt. Darum halte ich mich in meinem Schlusswort an Pfarrer Hermann Kappen aus Münster, der 1883 in seinem Neujahrswunsch formulierte: „Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen, aber bitte nicht so schnell.“

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