Es ist Ostermontag im April 2025. Ich sitze auf einer Hotelterrasse auf Teneriffa, genieße den strahlenden Sonnenschein und denke in großer Dankbarkeit über mein Leben nach und die Erfahrungen, die ich sammeln durfte.
Der Herbst 1946, also das Jahr unserer Vertreibung, neigte sich dem Ende, und der Winter stand vor der Tür, da kam eines Tages meine Mutter mit einer lebenden Gans nach Hause. Woher sie das Federvieh hatte und was sie dafür eingetauscht hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls lebte diese Gans fortan bei uns in der Wohnstube. Jeden Abend kniete meine Mutter über sie und schob ihr mit Gewalt Maiskörner in den Schnabel. Es war eine schlimme Tierquälerei, doch sie zeigte Erfolg. Die Gans wurde fett und nur das war für uns wichtig. Denn so kamen wir an Weihnachten in den Genuss eines Gänsebratens wie in der Heimat. Und wir Kinder hatten noch bis Ostern das fette Gänseschmalz auf unseren Broten.
Unsere entbehrungsreiche Fahrt in den Viehwaggons führte uns zunächst in das Grenzdurchgangslager im bayerischen Furt im Wald und bald danach ging der Transportzug weiter in das Auffanglager Friedland. Dort nahm unsere ungewisse Zukunft ihren Lauf. Das Auffanglager Friedland bekam später die Bezeichnung „Tor zur Freiheit“. In Wirklichkeit war es eine Ansammlung trostloser, sehr spartanisch eingerichteter Barackenbauten. Aber wir waren froh, nicht mehr in engen Viehwaggons vegetieren zu müssen. Wir bekamen etwas zu essen und hatten eine Schlafmöglichkeit in einem großen Schlafsaal, den wir uns teilen mussten mit vielen fremden Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen hier angekommen waren. Glücklicherweise trafen wir hier auch immer wieder Menschen aus unserer alten Heimat, die durch die Vertreibung ebenfalls hier gelandet waren. In diesem Lager verbrachte meine Familie einen trostlosen Sommer, bevor uns das Schicksal beziehungsweise die deutsche Nachkriegs-Verwaltung in einem Dorf namens Rohrbach bei Sinsheim in Baden-Württemberg unterbrachte.
