Meine Gesundheit in den Jahren nach der Vertreibung

Es ist Ostermontag im April 2025. Ich sitze auf einer Hotelterrasse auf Teneriffa, genieße den strahlenden Sonnenschein und denke in großer Dankbarkeit über mein Leben nach und die Erfahrungen, die ich sammeln durfte.

Noch am selben Tag höre ich in den Nachrichten, dass unser Papst Franziskus am frühen Morgen nach langer Krankheit gestorben ist. Das macht mich traurig und ich verspüre das Bedürfnis, mich in mein inneres Labor zurück zu ziehen, zu meditieren und für Papst Franziskus zu beten. Ich denke an die Leiden, die er in den Wochen vor seinem Tod zu ertragen hatte. Dabei schlagen meine Gedanken fast unweigerlich eine Brücke zu den krankheitsbedingten Schicksalsschlägen während meiner ersten zehn Lebensjahre.

Ich war in dieser Zeit häufig krank. Offensichtlich hatten mir die Entbehrungen des Krieges und der Vertreibung sehr zugesetzt. Vielen anderen Kindern ging es genauso, Die Abwehrkräfte waren bei uns allen sehr schwach. Lag es daran, dass wir Hunger und Durst litten, lag es an der einseitigen Ernährung? Es gab so gut wie kein Obst, nur die wenigen Male, wenn es uns gelungen war, ein paar Äpfel vom Baum zu stehlen.  Wir hatten keine geregelten Mahlzeiten und schon gar keine ausgewogene Ernährung. Wir haben im Frühsommer Sauerampfer von den Wiesen gegessen und schlechtes abgestandenes Wasser aus Fässern getrunken, in denen Regenwasser aufgefangen wurde. Alle paar Tage gab es Kümmelsuppe, in der mehrere Tage altes, hartes Brot eingeweicht war. Dieses alte Brot hatten wir von einer Bäckerin geschenkt bekommen.

Neben den Kinderkrankheiten wie Masern, Scharlach und auch Diphtherie hatte ich einmal sogar einen Bandwurm. Dieser hing ein paar Zentimeter aus meinem After. Meine Mutter zog daran mit dem Ergebnis, dass ein Teil davon abriss und der Rest wieder in meinem Darm verschwand. Wie ich den Parasiten letztendlich wieder losgeworden bin, weiß ich nicht mehr.

In einem Jahr hatte ich mehrmals hintereinander eine schlimme Angina. Meine Mandeln waren stark entzündet und eitrig angeschwollen. Ich hatte hohes Fieber und konnte nicht mehr schlucken. Meine Abwehrkräfte waren so schwach, dass sich meine Mutter große Sorgen um mich machte. In ihrer Not besorgte sie bei einem Bauern im Ort, wo gerade ein Schwein geschlachtet wurde, fettes Kesselfleisch. Es fühlte sich schleimig und glitschig in meinem Mund an, wie ein Schwamm, aber es war das einzige, das ich unter starken Schmerzen herunterwürgen konnte. Doch es half alles nichts. Meine Mutter brachte mich schließlich ins Krankenhaus nach Sinsheim. Die Ärzte waren sich einig, dass meine Mandeln entfernt werden müssten. Das Risiko sei zu hoch, durch die Mandelentzündung eine Schädigung des Herzmuskels herbeizuführen. So geschah es und ich wurde langsam auch wieder gesund.

Ein paar Wochen nach meinem Krankenhausaufenthalt war ich schon wieder auf einem Bauernhof und mistete den Kuhstall aus. Im Laufe der kommenden Jahre half ich auf verschiedenen Bauernhöfen aus. Die Arbeit machte mir Spaß, auch wenn sie körperlich sehr anstrengend und für ein eher schwächliches Kind wie mich nicht unbedingt geeignet war. Von Kinderarbeit sprach damals niemand. Zur Entlohnung bekam ich von den Bauern zu essen und zu trinken und auch Lebensmittel, die ich mit nach Hause nehmen konnte. Allerdings trug ich keine Schuhe, da mir diese zu klein geworden waren. So war ich eben barfuß unterwegs und habe mir dabei Spreizfüße zugezogen.

Einmal wurde ich auf einem Bauernhof von einem Schäferhund in die rechte Pobacke gebissen. Die Wunde blute so stark, dass ich in ärztliche Behandlung musste. Seitdem fürchte ich mich vor Hunden aller Art.

Auf einem anderen Bauernhof setzte mich der circa 14-jährige Sohn auf eine Sackkarre und schob mich durch den Hof in Richtung Stall. Dort kippte er mich von der Sackkarre herunter und ich verletzte mich am rechten Schienbein an einem Stück Blech, das als seitliche Abgrenzung an der Sackkarre montiert war. Ich zog mir dabei eine circa 15 Zentimeter lange Schnittwunde zu, die bis auf den Knochen ging. Wieder musste ich ins Krankenhaus gebracht werden, wo die Wunde mit mehreren Metallklammern zusammengeflickt wurde.

Anfang 1950 beschloss die Gemeindeverwaltung, dass wir auf den Bauernhof von August Schüle umgesiedelt werden sollten. Dort im Treppenhaus befand sich ein breites hölzernes Treppengeländer. Wir wohnten im ersten Obergeschoss und für uns Kinder war es ein Riesenspaß, auf diesem Geländer rücklings hinunter zu rutschen. Die Bäuerin Frau Schüle hatte aber etwas gegen lachende Kinder von den Rucksack-Deutschen. Sie passte den Moment ab, wo ich rücklinks auf dem Bauch das Holzgeländer hinunterrutschte, packte mich und schlug wie eine Wilde mit einem hölzernen Kochlöffel auf mich ein, während ich hilflos auf dem Holzgeländer lag. Danach lag ich drei Tage im Bett; die Bäuerin hatte mich im wahrsten Sinne grün und blau geschlagen. Meine Mutter stellte die Bäuerin jedoch nicht zur Rede. In den folgenden Tagen entwickelte sich zwischen meinen Beinen im Bereich der Hoden ein großes Hämatom, das mir bei jedem Schritt Schmerzen bereitete. Die Schwellung wurde immer größer, sodass ich ein weiteres Mal ins Krankenhaus gebracht werden musste. Die Ärzte rieten, die Geschwulst operativ zu entfernen, da ich immer noch in der Entwicklungsphase sei und man nicht sagen könne, ob die Geschwulst zur Zeugungsunfähigkeit führen könne. Also wurde ich operiert und lag zwei Wochen im Krankenhaus in Sinsheim.

Der Umzug auf den Hof der Familie Schüle hatte für mich wahrlich keinen guten Anfang genommen.