Brötzinger Schule
Nachdem wir im Dezember 1953 von Rohrbach bei Sinsheim nach Pforzheim umgesiedelt waren, wurde ich umgehend in der Brötzinger Volksschule in Pforzheim in die vierte Klasse eingeschult. Mein Klassenlehrer war bis zum 28. März 1958 Herr Kraft. Er bekam von uns den Spitznamen „Schnorchel“, weil er beim Atmen und vor allem beim Sprechen sehr laut die Luft einsog. Herr Kraft war circa 50 Jahre alt und ganz offensichtlich mit dieser großen Klasse von 45 Mädchen und Buben total überfordert. Auch hatte nicht nur ich den Eindruck, dass er unter den Folgen des 2. Weltkrieges, vor allem der Bombardierung und Zerstörung von Pforzheim, sehr gelitten hat. In unserem Klassenzimmer befand sich neben der Tafel ein Spind, in dem Herrn Krafts Mantel hing, und in welchem er auch seinen Bambusstock deponiert hatte. Diesen Bambusstock benutzte er sehr häufig und schlug damit bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf mich und meine Klassenkameraden ein. Mit uns Buben aus dem Sudetenland hatte er ein besonderes Problem. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass wir die Schläge nicht nur wegen eines Fehlverhaltens unsererseits bekamen, sondern vor allem, weil es ihm eine gewisse Genugtuung bereitete, uns zu quälen. Ja, ich hatte oft das Gefühl, dass es ihm geradezu Freude machte, mich zu erniedrigen. Dabei hatten wir Kinder aus dem Sudetenland es durch die Vertreibung und das jahrelange Leben, als widerwillig Geduldete im Dorf – in meinem Fall in Rohrbach – doch ohnehin schon sehr schwer. Und auch innerhalb der Familie standen wir immer erst an zweiter Stelle. Wir mussten die Hände auf den Tisch legen, wenn Erwachsene am Tisch saßen und sich unterhielten, durften wir erst sprechen, wenn die Erwachsenen uns dies erlaubt hatten. Diese damals üblichen rigiden Erziehungsmethoden schienen meinem Klassenlehrer Herr Kraft in die Karten zu spielen. Mein damals schon sehr ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl wurde während meiner Schulzeit in Brötzingen nur noch weiter ausgebaut und gefestigt.
Wobei natürlich auch unsere Armut eine gewisse Rolle spielte. In unserem Wohnblock befand sich ein Kiosk, in dem man Süßwaren und Zeitschriften kaufen konnte. Da ich natürlich kein Taschengeld bekam, habe ich oft leere Pfandflaschen gesammelt, die ich dann gegen Münzen eingetauscht und mir davon Süßigkeiten gekauft habe. In den Schulpausen habe ich jedoch erlebt, wie Schulkameraden, deren Eltern Schmuckfabrikanten und sehr wohlhabend waren, damit geprahlt haben, dass sie zehn D-Mark pro Woche an Taschengeld bekämen. Daraufhin erschienen mir meine mühsam zusammengesparten Süßigkeiten als lächerlich und furchtbar ärmlich. Ich beneidete meine reichen Schulkameraden und fühlte mich ihnen gegenüber als minderwertig und klein. Unsere Armut zeigte sich auch an meiner Kleidung. Da meiner Familie das notwendige Geld fehlte, um für mich eine lange Hose kaufen zu können, musste ich in der kalten Jahreszeit lange braune Mädchenstrümpfe tragen, die mit einem Strumpfhalter um den Bauch gehalten wurden. Ich schämte mich sehr, dass ich nicht, wie andere Klassenkameraden, eine lange Hose hatte.
Im Geschichtsunterricht, den wir auch bei Herrn Kraft hatten, brach Herr Kraft regelmäßig in Tränen aus. Eines seiner Lieblingsthemen war der Bombenangriff auf Pforzheim. Mit der detaillierten Schilderung seiner traumatischen Erlebnisse leitete er so ziemlich jede Geschichtsstunde ein. Er habe viele Menschen gesehen, die tot auf den Straßen lagen, teilweise mit zerrissenen Körpern, aus deren Bäuchen die Därme herausquollen. Diese Erzählungen hatten letztendlich nur den Effekt, dass nun auch wir Kinder traumatisiert und den Tränen nahe waren. Herr Kraft erzählte uns auch viel über die Weimarer Republik, über Adolf Hitler, der dann das Sudetenland heimgeholt habe, und dass Adolf Hitler viele KZ-Aufseher aus dem Sudetenland rekrutiert habe. Bei jeder Gelegenheit brachte er das Sudetenland zur Sprache – für mich war das eine so unverständlich wie das andere. Er lehrte uns auch, dass die deutschen Nazis Tausende von Menschen in Polen, insbesondere die polnische Elite in Katyn ermordet hätten. Das war glatt gelogen, wie sich später herausstellte. Etwas spät, erst 1990, und damit 45 Jahre nach Kriegsende, gab nämlich der russische Präsident Gorbatschow öffentlich zu, dass das stalinistische System für diesen Massenmord verantwortlich war. Aber für unseren Geschichtslehrer Kraft galten stets die Deutschen und ganz besonders die Sudetendeutschen als die Schuldigen.
Über die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die am 5. August 1950 in Stuttgart unterzeichnet und verkündet wurde, wurde in unserem Geschichtsunterricht keine Silbe verloren.75 Jahre später, also 2025, hielt dort der derzeitige Bundeskanzler Friedrich Merz eine beeindruckende Rede.
Ich stellte mir oft die Frage, warum unser Klassenlehrer, uns vertriebene Kinder – und mich ganz besonders – mit Schlägen traktierte und erniedrigte. Hat er sich damit nicht auch auf die Stufe der Nazis gestellt? Denn wir Schüler waren ihm schutzlos ausgeliefert und konnten uns nicht wehren. Auch seine oftmals ungerechten Noten im Zeugnis mussten wir akzeptieren.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass meine Mutter ein Gespräch beim Rektor der Brötzinger Schule hatte und sich beschwerte, dass ich weder am Englischunterricht teilnehmen durfte noch auf ein Gymnasium wechseln konnte. Gegenüber dem Rektor vertrat sie die Auffassung, dass jeder Mensch, und insbesondere auch arme Menschen, ein Recht auf Bildung haben. Ihre Beschwerde blieb ohne Erfolg und meiner Mutter wurde mitgeteilt, dass für alles Weitere der Klassenlehrer Kraft zuständig sei, der könne meine Fähigkeiten am besten einschätzen. Ich hatte mir von dem Gespräch mehr erhofft und war über das Ergebnis mehr als enttäuscht. Auch mehreren meiner damaligen Klassenkameraden, die aus Vertriebenen-Familien stammten, wurde der Weg aufs Gymnasium verbaut. Aus heutiger Sicht war das eine ganz offensichtliche Benachteiligung, die unsere weitere Entwicklung maßgeblich geprägt hat.
Als ich circa 13 Jahre alt war, schrieb ich während des Unterrichts einen Liebesbrief an ein Mädchen in der Klasse. Lehrer Kraft merkte dies und nahm mir den Zettel weg. Nachdem er ihn selbst gelesen hatte, las er meinen Liebesbrief der ganzen Klasse vor. Für die Klasse war dies eine große Belustigung. Ich aber wollte vor Scham in den Boden versinken.
Durch die immer wiederkehrenden Demütigungen und Erniedrigungen war mein Selbstwertgefühl im Keller. Oft stellte ich mir die Frage: Was soll denn aus mir einmal werden?
Nach all den Jahren der Selbstzweifel, der Enttäuschungen und auch der Not verließ ich im März 1958 mit dem Abschlusszeugnis die Brötzinger Schule. Ich fühlte mich nach wie vor gehemmt und minderwertig und keinesfalls auf das Leben vorbereitet.
Einen Monat später, im April 1958, begann ich eine Lehre als Elektroinstallateur bei der Firma Elektro Lechler in Pforzheim-Brötzingen. Diese Ausbildung entsprach nicht meiner Berufung, doch ich hatte keine Wahl. Meine Mutter war froh und glücklich, dass sie überhaupt eine Lehrstelle für mich gefunden hatte.
Viele Jahre später fand im fünfjährigen Abstand ein Klassentreffen statt. Es war immer eine sehr schöne Feier, bei der wir unsere Erinnerungen austauschten. Ein Klassentreffen, an dem auch die noch lebenden Lehrerinnen und Lehrer teilnahmen, ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Ich wurde darum gebeten, unseren ehemaligen Klassenlehrer Kraft abzuholen. Herr Kraft war schon weit über 80 Jahre alt und lebte in Pforzheim in der Bayernstraße. Ich holte ihn an der Haustüre ab, der Weg zur Straße führte über eine längere Treppe durch den Garten. Ich wollte Herrn Kraft behilflich sein und bot ihm meinen Arm als Stütze an, das lehnte er jedoch ab. Er lief hinter mir die Treppe hinunter und wie es das Schicksal so will, stürzte er und lag mit dem Kopf direkt vor meinen Füßen. Was für ein jämmerliches Bild er doch abgab! Der Mann, der mir jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hatte, lag nun zu meinen Füßen. Er tat mir leid und ich half ihm hoch, verletzt hatte er sich nicht. Bei der Feier saß er mir gegenüber und wollte wissen, was denn so aus mir geworden sei. Ich erzählte ihm meinen Werdegang, meine Lehre, meine vier Jahre Soldat bei der Luftwaffe und dass ich in dieser Zeit die Fachhochschulreife nachgeholt habe, dass ich verheiratet bin und nach der Bundeswehr ein Studium der Elektrotechnik absolviert hatte. Ich erzählte ihm, dass ich Pilot bin und dass ich eine Ingenieurgesellschaft für technische Planung gegründet habe. Herr Kraft war sehr erstaunt, er wollte das zunächst gar nicht glauben und erkundigte sich am Tisch bei meinen Klassenkameraden, ob auch wirklich stimmen würde, was ich ihm da erzählt habe. Nachdem ich die Festrede gehalten hatte, wobei ich Herrn Kraft und die anderen Lehrer mit Lob überschüttet hatte, stand Herr Kraft auf, bedankte sich und meinte dann: “Der Norbert Leipert hat es im Leben ja doch noch weit gebracht.“ Immerhin konnte er sich zu diesem Lob durchringen. Eine Entschuldigung für all das Leid und die vielen Ungerechtigkeiten, die er mir angetan hatte, wäre vermutlich zu viel verlangt gewesen.
