Ankunft in Pforzheim

Im Dezember 1953 war es endlich soweit. Meine Familie bekam den Bescheid, dass wir nach Pforzheim umziehen konnten. Ich war froh, endlich aus Rohrbach herauszukommen. Wir waren hier ja sowieso nicht willkommen und schon gar nicht beliebt. Mit meinen inzwischen neun Jahren hatte ich bis dahin nur das dörfliche Leben in Rohrbach kennen gelernt, das ich im Grunde nur verlassen habe, wenn ich ins Krankenhaus nach Sinsheim musste oder wenn wir sonntags zu Fuß zum katholischen Gottesdienst ins benachbarte Steinsfurt gelaufen sind. Man kann sich vorstellen, dass ich diesen Fußmarsch nur widerwillig zurücklegte.

Schöne Erinnerungen habe ich eigentlich nur an meine Schulzeit in der Volksschule in Rohrbach. Die Schule war eine willkommene Abwechslung für mich. Mich interessierte alles, was unser Klassenlehrer Herr Bach uns beizubringen versuchte. Er gab sich in unserer gemischten Klasse sehr viel Mühe, ließ sich stets etwas Neues einfallen, mit dem er unsere Begeisterung wecken konnte. Wir Kinder liebten ihn geradezu. Er war für uns alle eine Art Vaterfigur, und für mich ganz besonders, da ich ja ohne einen Vater aufgewachsen bin.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich darauf gefreut habe, aus dem dörflichen Leben heraus zu kommen und künftig in einer richtigen Stadt zu leben. In einer Stadt, so glaubte ich damals, sei das Leben viel einfacher und vor allem interessanter. Ich war fest davon überzeugt, dass hier eine große Zukunft auf mich wartete und nun endlich der Tag gekommen sei, an dem sich mein Leben zum Guten wenden sollte. Den Namen Pforzheim hatten wir damals schon öfter in Rohrbach gehört. Er stand für eine Stadt, in der es viele Fabriken gab, in welchen schöner, wertvoller Goldschmuck hergestellt wurde, weswegen Pforzheim auch den Beinamen Goldstadt trug.

Beseelt von meiner Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt unterdrückte ich standhaft jeden Anflug von Zweifel und Ängstlichkeit vor dem Ungewissen, das da auf uns zukommen sollte. Ich wollte nur das Schöne und Reizvolle sehen, auch wenn ich in meinem tiefsten Inneren sehr genau wusste, dass wir nach wie vor mittellos und ohne Perspektive waren.

Und so kam, was kommen musste. Als ich auf unserer Fahrt in die neue Heimat vom Wartberg herunter einen ersten Blick auf Pforzheim werfen konnte, bin ich zutiefst erschrocken. Zu unseren Füßen lag nicht die Stadt, die ich mir in meinen Vorstellungen erträumt hatte, sondern eine riesige Ansammlung von Trümmern. Was ich erkennen konnte, war eine in großen Teilen zerstörte Stadt, das traurige Ergebnis eines Bombenangriffs gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, in dessen Verlauf die komplette Innenstadt zerstört wurde und mehr als 17.000 Menschen ums Leben kamen.

Die Realität hat mich und meine Familie eingeholt. Mehr als einmal stellte ich meiner Mutter die Frage, ob wir denn hier, in dieser zerstörten Stadt, überhaupt leben könnten und ob wir hier eine Zukunft hätten. Sie konnte mich nicht beruhigen, sie griff nur immer wieder in ihre Manteltasche und zog den Bescheid heraus, auf dem schwarz auf weiß stand, dass wir zumindest eine Wohnung hatten. Es war eine der vielen Wohnungen, die man nach Kriegsende für ausschließlich vertriebene Menschen gebaut hatte, damit die eine neue Heimat haben sollten. Meiner Familie wurde im Stadtteil Brötzingen in einem Neubau eine Wohnung im zweiten Stock zugewiesen. Sie bestand aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, einer Küche und einem separaten Badezimmer, in dem sich neben der Toilette auch eine fest installierte Badewanne auf vier Füßen befand. Ein Ofen, in welchem man mit Holz oder Kohle das Badewasser erhitzen konnte, war ebenfalls vorhanden. Wir staunten alle nicht schlecht über diesen großen Komfort, ich hatte noch nie eine solche Badewanne gesehen, geschweige denn darin gebadet.

Von nun an hatten wir also eine eigene Adresse, sie lautete Westliche Karl-Friedrich-Straße 288 in Pforzheim – mit einer eigenen Wohnungstür und einem eigenen Briefkasten. Diese Adresse war jetzt für viele Jahre unsere Heimatadresse. Immerhin hatten wir damit ein sicheres Dach über dem Kopf und unser eigenes Reich.

Was ich mir jedoch immer noch nicht vorstellen konnte, war meine Zukunft in einer Stadt, die zerstört am Boden lag. Umso größer war meine Hoffnung, dass die Menschen hier vielleicht freundlich und uns zugewandt sind. Mit unserem Wegzug aus Rohrbach glaubten oder hofften wir, den Hass der Einheimischen auf uns Flüchtlinge hinter uns gelassen zu haben und hofften sehr, von den Pforzheimern positiv aufgenommen zu werden. Doch auch das erwies sich als großer Irrtum. Wir wurden auch in Pforzheim als Sau-Flüchtlinge oder Rucksack-Deutsche beschimpft, die, so hieß es, jetzt in neu gebaute Wohnungen einziehen konnten und der ausgebombten einheimischen Bevölkerung die Wohnungen wegnehmen würden. Nicht einmal in der Schule blieb ich vor diesem blinden Hass verschont. Im Gegenteil musste ich mir gefallen lassen, wie ich vor 45 Mitschülern von dem Klassenlehrer Herr Kraft als Flüchtling aus dem Sudetenland beschimpft wurde. Herr Kraft, unterstellte mir und den anderen vertriebenen Schülern in der jetzt dritten Klasse, dass die Sudetendeutschen Adolf Hitler mit Applaus unterstützt und damit die Kriegslust der Nazis geschürt hätten. Ich konnte mit diesem Vorwurf nichts anfangen, da ich von all den kriegerischen Vorgängen keine Ahnung hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich von meinem Klassenlehrer an meiner weiteren Bildung regelrecht behindert wurde. Doch ich bekam immer mehr den Eindruck, dass Herr Kraft mir schlechtere Noten gab, weil er mich meiner Herkunft wegen nicht leiden konnte. Er hatte maßgeblichen Einfluss darauf, dass ich nicht auf das Gymnasium konnte und dass ich auch nicht an dem einmal in der Woche nachmittags stattfindenden Englischkurs teilnehmen konnte.

Ich ahnte auch noch nicht, dass meine Schulkameradin Heide Deike in der Amalienstraße in Brötzingen von einem Freigänger aus dem Gefängnis ermordet wurde. Und ich konnte nicht ahnen, dass wir vertriebenen Kinder von den einheimischen Kindern Schläge bekommen würden, weil wir in Pforzheim angeblich durchgefüttert werden mussten, dabei herrschte nicht nur unter uns Flüchtlingen, sondern unter allen Pforzheimern ein Mangel am Notwendigsten.

Ich hielt dennoch an meiner Hoffnung fest, nur verlagerte ich sie jetzt in die Zukunft. Ich hoffte so sehr, dass es meiner Familie und mir bald besser gehen werde und ich tat alles mir Mögliche, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Letztendlich haben sich meine Hoffnungen und Wünsche dann auch erfüllt. Wenn ich damals schon geahnt hätte, dass ich einmal 50 Jahre als selbstständiger Unternehmer tätig sein würde, dass ich die Armut meiner Kindheit und Jugend hinter mir lassen würde, ein finanziell unabhängiges Leben führen könnte und auf ein eventuelles Erbe meines sehr reichen Vaters absolut nicht angewiesen sein würde. Ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass ich freiwillig vier Jahre bei der Bundeswehr als Soldat bei der Luftwaffe dienen würde ebenso wenig wie ich mir vorstellen konnte, dass ich einmal Pilot sein würde. Aber ich habe die Prüfungen, die mir das Leben auferlegt hat, angenommen und gemeistert, auch wenn es manchmal sehr schwierig war und ich ohne jegliche Hilfe zurechtkommen musste.

Als Kind half ich meiner Mutter, wo ich nur konnte. Ich trug Zeitungen aus, ohne zu bemerken, dass die schwere Tasche meine Wirbelsäule in der Wachstumsphase nach links verbog, was Jahre später zu gesundheitlichen Problemen führte, mit denen ich bis zum heutigen Tag zu kämpfen habe. Ich half auch zusammen mit Klassenkameraden, den Bauschutt von zerstörten Häusern wegzuräumen. Von Kinderarbeit war damals nicht die Rede. Ich hätte mich davon auch nicht abhalten lassen, denn ich wollte unbedingt meinen Teil dazu beitragen, dass wir ein besseres und gutes Leben haben. Jeden Abend schloss ich diese Bitte in mein Gebet ein; als Ausdruck meines guten Willens wurde ich Ministrant in der Sankt Antonius Kirche.

Vera, das einstige Waisenkind, lebte immer noch in unserer Familie. Sie war inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen und arbeitete als Sekretärin in der Strumpffabrik Silkona. Ihr Lohn und die magere Rente meines Großvaters halfen uns, die Kosten fürs Überleben zu bestreiten.

1953 feierten wir das erste Weihnachtsfest in der uns zugewiesenen neuen Wohnung. Vor dem Heiligen Abend konnten alle fünf Familienmitglieder ein warmes Bad in der neuen großen Badewanne nehmen, das ich in vollen Zügen genoss. Als Festessen gab es Kartoffelsalat mit Würstchen vom Pferdemetzger, die einen unangenehm süßlichen Beigeschmack hatten, dafür aber erschwinglich waren. Nach dem Essen sangen wir Weihnachtslieder, zu denen uns Großvater mit seiner Geige begleitete. Vera schenkte mir einen braunen, rund 40 Zentimeter großen Kuschel Teddybär der Marke Steiff. Dieser Teddybär war von nun an mein bester Freund, der mich viele Jahre lang begleitete. Er lag im Bett stets neben mir; manchmal betete ich mit ihm, oft erzählte ich ihm auch von meinen Nöten, meinen Ängsten, meinen Sorgen und ließ dabei nicht selten meinen Tränen freien Lauf.