Schlaraffia

Nachdem ich mein 40. Lebensjahr überschritten hatte und die von mir gegründete Ingenieurgesellschaft seit Jahren erfolgreich und etabliert am Markt agierte, wurde ich von Vertretern des örtlichen Rotary Club sowie des örtlichen Lions Club angesprochen, ob ich Mitglied werden möchte. Von beiden Seiten wurde mir mitgeteilt, dass ich von meiner beruflichen und persönlichen Qualifikation her in ihre Clubgemeinschaften passen würde. Ich erbat mir Bedenkzeit, da ich mich mit den Zielen der Clubs vertraut machen wollte. Während dieser Bedenkzeit wurde ich unverhofft von einem langjährigen Mitglied der Schlaraffia Porta Hercyniae in Pforzheim, Herrn Wolfgang Leppert, angesprochen, ob er mein Interesse wecken könne, der Schlaraffia beizutreten. Er erklärte, dass seine Frau mich empfohlen hätte, die mich, wie er sagte, bei einem Seminar in englischer Sprache als humorvollen Menschen kennen gelernt habe.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von Schlaraffia gehört, aber alles, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte und von Wolfgang Leppert an Informationen erhielt, entsprach so sehr meinen Neigungen, dass ich mich kurzerhand entschloss, diesem Männerbund beizutreten. Im Nachhinein stellte sich mein Beitritt zu Schlaraffia als ein Segen für mich heraus. Hier kamen Männer zusammen, die ein Ziel verfolgten, von dem ich ahnte, dass es meinem Leben eine neue, positive Wende geben könnte. Hier fühlte ich mich aufgehoben. Schlaraffia passte zu mir, und ich passte zu Schlaraffia.

Die Schlaraffia ist ein Spiel mit ritterlichen Elementen. Dieses Spiel wurde am 10. Oktober 1859 von Künstlern des deutschen Theaters in Prag, nicht allzu weit von meinem Sudetendeutschen Geburtsort, gegründet. Die Obrigkeit der damaligen Donaumonarchie sollte lächerlich gemacht und auf den Arm genommen werden. Die drei wichtigen Säulen von Schlaraffia sind Kunst, Humor und Freundschaft. Der Hauptgrundsatz ist die Hochhaltung der Freundschaft. Schlaraffia ist ein reiner Männerbund und eine Persiflage auf das Leben und darum heute moderner denn je. Schlaraffia lebt jene Werte, die alle gerne hätten, aber kaum noch gelebt werden; ich meine damit Werte wie Toleranz, individuelle Anerkennung, Achtung vor dem Alter und Pflege der Freundschaft im wahrsten Sinne des Wortes. Schlaraffia ist keine Jobbörse, hier werden keine Aufträge vermittelt, sie ist unpolitisch, aber weltoffen. Sie ist ein wunderbarer Bund für aufgeschlossene, vielseitig interessierte Männer, die über sich selbst lachen können.

Die Mitglieder, also die Schlaraffen, treffen sich während des Winterhalbjahres von Oktober bis April einmal pro Woche in ihrem Vereinsheim, also in ihrer Schlaraffenburg, zu ihren so genannten Sippungen. Der Inbegriff von Weisheit, Humor und Tugend ist der Uhu, der als Symbol in jeder Schlaraffenburg zu finden ist. Schlaraffia gibt es inzwischen auf der ganzen Welt. Ihr gehören derzeit ungefähr 10.000 Mitglieder an. Die Pflichtsprache ist weltweit Deutsch. Um bei Schlaraffia Mitglied zu werden, braucht man einen Paten, der den Neuling als Pilger in den schlaraffischen Kreis einführt. Meinen Weg dorthin verdanke ich wie gesagt dem glücklichen Zufall, dass die Gattin von Wolfgang Leppert mich empfohlen hatte. Wolfgang Leppert, der den Ritternamen „Terz der Hobbyreiter“ führte, war auch mein schlaraffischer Pate. Sein Vater und sein Großvater waren lange vor ihm bereits Mitglied in diesem schlaraffischen Bund.

Ich begann als Knappe und Junker und wurde nach circa drei Jahren Ritter der Porta Hercyniae, selbstverständlich durch einen festlichen Ritterschlag. Ich erhielt dann einen Ritternamen, der einmalig auf der ganzen Welt ist. In diesem Ritternamen soll auch die berufliche Tätigkeit verschlüsselt enthalten sein. Ich wurde also der „Ritter Ramos hell wie der lichte Tag“. Dabei wurde die Umkehrung von Osram verwendet, weil ich ja im Rahmen meines Studiums der Elektrotechnik auch Beleuchtungstechnik studiert hatte. Und somit konnte aus dem für Beleuchtung stehenden Begriff Osram der Name Ramos gebildet werden. Jeder Ritter hat ein eigenes Wappen, in meinem ist eine strahlende Glühbirne als Symbol für die Helligkeit abgebildet.

Themen wie Politik und Religion sind bei Schlaraffia nicht erlaubt. Viele unserer Mitglieder sind künstlerisch begabt, sind Maler oder musizieren mit beachtlich Erfolg. Allerdings sollten Schlagfertigkeit und Humor die ausgeprägte Fähigkeit jedes Mitgliedes sein. Und vor allem ist die Toleranz dabei großgeschrieben.

Niemand wird angehalten, einen Vortrag oder wie es bei Schlaraffia heißt, eine Fechsung zu halten. Egal, was ein Mitglied in einer Sitzung beiträgt, das Tun ist wichtig, denn dadurch werden Fähigkeiten und Selbstsicherheit gefördert. Mir kommt mein rhetorisches Talent zugute. Ich habe bereits über zehn Jahre lang, als so genannte Herrlichkeit, auf dem schlaraffischen Thron fungiert und unsere Sippungen, sowie das Geschehen geleitet. Ich führte gekonnt mit Humor gemäß unseren Statuten durch die Sippungsabende.

Mitglieder von Schlaraffia sollen aufgrund ihrer humorvollen, positiven Lebenseinstellung zwischen fünf und zehn Jahre länger leben als der Durchschnitt. Einmal pro Jahr werden auch die Ehefrauen, wir sagen unsere Burgfrauen, zu einer Sippung eingeladen, um ihnen einen Einblick in unser Tun zu geben. Von den anderen Abenden berichte ich immer meiner Frau am nächsten Morgen beim Frühstück. Sie genießt das jedes Mal, wenn ich ihr von dem humorvollen Treiben unseres Schlaraffentreffen erzähle.

Am 1. November jeden Jahres besuchen alle Schlaraffen die Gräber unserer verstorbenen Freunde und legen einen Blumengruß auf das jeweilige Grab. Jeder von uns, der dann eine kurze Geschichte über einen der Verstorbenen erzählen kann, gibt diese vor dem jeweiligen Grab zum Besten und oft führen die humorvollen Erinnerungen dazu, dass sich alle Beteiligten an einem Grab vor Lachen die Bäuche halten. Ein inzwischen verstorbener Schlaraffe sagte einmal. “Wenn sie mich ins Grab legen, dann haben sie mich das letzte Mal reingelegt.“

Schlaraffia hat ein eigenes Orchester, bei dem nur Mitglieder von Schlaraffia musizieren. Darüber hinaus gibt es ein schlaraffisches Hilfswerk, womit das große soziale Engagement von Schlaraffia sichtbar wird. Aber Schlaraffia arbeitet unauffällig und im Stillen, sie geht mit den guten Taten nicht an die Öffentlichkeit, wie viele andere Organisationen.

Trotz der Veränderungen unserer Gesellschaft finde ich, dass gerade in Schlaraffia die Heiterkeit, Begeisterung und Freude als Gegenpol zu der oft weniger erfreulichen Außenwelt mit ihren kriegerischen Tendenzen immer wieder hochgehalten und gestärkt werden. Durch das schlaraffische Erleben wird das Vertrauen in unsere Zukunft erhalten und die Hoffnung gestärkt.

Ich bin der Fügung meines Lebens dankbar, dass ich vor annähernd 40 Jahren den Weg zu Schlaraffia gefunden habe, und ich werde diesem schlaraffischen Wunderland bis zu meinem Ende die Treue halten. Schlaraffia hat mir sehr viel gegeben. Ich habe viel gelernt und meine Lebensqualität wurde außerordentlich verbessert. Ich habe aber auch durch Schlaraffia gelernt, mit Menschen umzugehen, die sich als Freunde ausgeben, in der Realität jedoch mit Vorsicht zu genießen sind.

Meine zukünftigen Vorträge und Reden schließen weiterhin mit dem Satz: “Lacht euch krank, denn dann bleibt ihr gesund“.