Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Im Alter von 13 Jahren haben mich die Umstände des Lebens aus meiner Kindheit gerissen. Ich musste nach dem ausdrücklichen Willen meiner Mutter einen technischen Beruf erlernen, obwohl mir das nicht lag. Ich hatte jedoch keinerlei Mitspracherecht. Auch wenn ich immer wieder beteuerte, dass mich Elektrotechnik nicht interessiere und ich diesen Beruf nicht erlernen wolle, wurde ich von meiner Mutter massiv gedrängt, diese dreijährige Lehrzeit zu beginnen, damit ich einen soliden Berufsabschluss habe, wie sie sagte. Der Gedanke, diese Lehre anzutreten stimmte für mich überhaupt nicht. Ich wurde gezwungen, einen Beruf zu erlernen, der nicht zu meinen Vorstellungen passte. Doch es blieb mir nichts anderes übrig, als meine unguten Gefühle hintenan zu stellen und mich dem Druck meiner Mutter zu beugen. Vielleicht habe ich diese Lehre meiner Mutter zuliebe begonnen, vielleicht war es auch aus Angst vor Schlägen, sollte ich mich weigern. Ich war halt ständig auf der Suche nach Anerkennung, Lob und Streicheleinheiten.

So trat ich also am 8. April 1958 eine Lehre als Elektroinstallateur bei der Firma Elektro Lechler in Pforzheim-Brötzingen an. In meiner Lehrfirma habe ich viel gelitten. Vom ersten Tag an war ich der Flüchtlingsjunge, der ohne Vater aufwuchs. Ständig musste ich Reinigungsarbeiten erledigen, worüber sich die anderen Lehrlinge lustig gemacht haben. Ein Monteur behauptete immer wieder, die Sudetendeutschen wären Schuld am Krieg gewesen und ich sollte froh sein, dass ich hier eine Lehrstelle bekommen hätte. Froh war ich eigentlich nur über unseren Elektromeister, Herr Emil Linke. Er stammte auch aus dem Sudetenland und war unser Chef. Er hielt oft seine schützende Hand über mich und wurde bald zu einer Art Vaterfigur für mich. Was jedoch nicht verhindern konnte, dass ich oft von Monteuren oder Angehörigen der Familie geohrfeigt oder an den Ohren gezogen wurde. Schläge waren damals nicht nur innerhalb der Familien, sondern auch in Betrieben als Strafmaßnahme an der Tagesordnung und galten als wichtiges Instrument zur Erziehung.

Der Lehrlingslohn betrug damals sechs Deutsche Mark pro Woche und steigerte sich dann im dritten Lehrjahr auf zwölf Deutsche Mark pro Woche.

Zu Beginn meiner Lehrzeit war ich körperlich noch sehr schmächtig, musste aber gleich von Anfang an schwer arbeiten. Mit meinen gerade mal 13 Jahren war ich der Jüngste in der Firma und nach der täglichen Arbeitszeit sehr müde und ausgelaugt. Meine Arbeitszeit betrug täglich neun Stunden und am Samstagvormittag noch fünf Stunden, also insgesamt 50 Stunden pro Woche.

Bei meiner Arbeit in der Lehrfirma kam ich in viele Gebäude, Wohnungen und Firmen. Es war die Zeit, in der eine technische Umstellung der Stromversorgung von Gleichstrom auf Wechselstrom erfolgte und auch die Zeit, in der viele neue Wohnungen gebaut wurden. Ich sah fast täglich, wie andere Menschen in komfortabel eingerichteten Wohnungen lebten und wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, erlebte ich den sozial niedrigen Stand meiner Familie. Im Nachhinein frage ich mich immer wieder, welche glückliche Fügung mich davon abgehalten hat, kriminell zu werden, wo ich doch so oft Gelegenheit hatte, etwas zu stehlen, insbesondere in den vielen Schmuckfirmen, in denen wir gearbeitet haben.

Ich hatte von vielen Vorgängen, die ich unter Anleitung tun musste, keine Ahnung und bemühte mich deshalb, möglichst viel zu lernen, um nicht ständig der Kritik der Monteure ausgesetzt zu sein. Die schweren Werkzeugkoffer und Kabelringe sowie weitere technische Materialien musste ich meistens zu Fuß zu den jeweiligen Baustellen tragen.

Einmal pro Woche musste ich mit dem Fahrrad zu dem circa zwei Kilometer entfernten Elektrogroßhandel fahren, um Installations-Materialien abzuholen. Ich packte dann alles auf das Fahrrad und fuhr nach Brötzingen zurück. Einmal geriet ich mit dem Vorderrad in eine Straßenbahnschiene und stürzte. Alle Materialien lagen auf der Straße verstreut. Ich kam dadurch verspätet in der Lehrfirma an und bekam dann – wie üblich – zuerst eine Ohrfeige.

Seit der Bombardierung herrschte in Pforzheim ein großer Wohnungsmangel. Es wurden deshalb überall neue Wohnhäuser errichtet und in vielen dieser Neubauten installierte meine Lehrfirma die Elektrik. Weil damals auf dem Bausektor kriegsbedingt noch viele Fachleute fehlten und das fachliche Wissen bei Architekten und Rohbaufirmen noch nicht auf dem aktuellen Stand war, mussten notwendige Aussparungen und Durchbrüche nachträglich durchgeführt werden, um die senkrechte Installation einbringen zu können. Diese notwendigen Aussparungen und Durchbrüche waren uns Lehrlingen vorbehalten. Bei der Erstellung der Durchbrüche mit Hammer und Meißel rutschte mir öfter der Hammer von der Meißel und verletzte beim Aufprall meine linke Hand.

Für die Verlegung von Elektroleitungen unter Putz, die also nicht sichtbar sein sollten, mussten wir Lehrlinge mit elektrisch betriebenen Maschinen die Schlitze für die Leitungen in den Rohbauwänden einbringen. Dabei flog uns der Backsteinstaub regelrecht um die Ohren. Da es keine Schutzvorrichtungen gab, waren meine Ohren, meine Nase und meine Augen danach sehr in Mitleidenschaft gezogen. Nach diesen Arbeiten war ich fix und fertig. Ich war einfach viel zu jung für diese schwere körperliche Arbeit.

Die Hauptstraße von Pforzheim verlief auch durch Brötzingen. Hier befanden sich viele Geschäfte für den täglichen Bedarf. In einer Bäckerei musste ich in der Backstube elektrische Leitungen verlegen. Während meiner Arbeit sah ich, wie der Bäckermeister auf seiner Arbeitsplatte einen großen Ballen Teig mit den Händen bearbeitete und plötzlich mit einer Hand voll Teig auf eine Fliege am Fenster warf. Danach nahm er die tote Fliege aus dem Teig und arbeitete das blutverschmierte Teig-Wurfgeschoss in den großen Teigballen ein. Ich bekam auch mit, dass sich der Bäckermeister nach einem Toilettengang nicht die Hände gewaschen hat. Ich hatte eine Brezel, die ich schon vorher als Trinkgeld von ihm bekommen habe, bereits gegessen. Aber ich habe nie mehr in dieser Bäckerei etwas gekauft oder davon gegessen.

Da ich der jüngste Lehrling im Betrieb war, musste ich täglich die große Werkstatt reinigen und im Winter dafür Sorge tragen, dass die mit Sägemehl gefüllten Patronen-Öfen bereit zum Heizen waren. Diese Art der Beheizung von gewerblichen Räumen war damals weit verbreitet. Einmal pro Woche musste ich außerhalb der Werkstatt direkt neben dem Bahndamm die Isolierung von Kupferdrähten und Kabelresten abbrennen. Es wurde ein Feuer gemacht und die Kupfermaterialien wurden mit Benzin begossen und angezündet. Es entstand viel dunkler Rauch und Gestank bis die gesamte Isolation verbrannt war und das Kupfer eingesammelt werden konnte. Das Alt-Kupfer wurde dann von der Lehrfirma an Schrotthändler verkauft. Das Abbrennen der Isolierung war damals üblich. Erst wenn die Isolierung entfernt war, konnte das Alt-Kupfer verkauft werden. Damals gab es noch keinen Recycling Werkstoffhof. Das Abbrennen von Isolierungen war auch schon damals für Mensch und Umwelt schädlich. Diese Methode ist heute in Deutschland aus Umweltschutz- und Gesundheitsgründen verboten und kann strafrechtliche Folgen haben. Ich als Lehrling musste beim Abbrennen die dabei entstehenden hochgiftigen und krebserregenden Giftstoffe einatmen. Eine schützende Atemmaske gab es nicht.

Als meine Kenntnisse im Laufe der Zeit fortgeschritten waren, wurde ich auch zu Arbeiten eingesetzt, bei denen der Strom nicht abgeschaltet werden konnte. Es passierte immer wieder, dass ich eine unvorsichtige Bewegung machte und einen Stromschlag bekam. Dies passierte häufig und nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Lehrlingen und selbst bei Monteuren. Arztbesuche fanden nach Stromschlägen nicht statt, es wurde einfach weitergearbeitet. An gesundheitliche Schäden wie Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen, die auch zeitverzögert auftreten könnten, dachte damals niemand. Es waren halt andere Zeiten, die mit der heutigen Zeit nicht vergleichbar sind.

Mit einem meiner Monteure musste ich in Unterreichenbach in einem Gasthaus die Beleuchtung einschließlich Installation in einem Weinkeller herstellen. Wir fuhren mit dem Zug nach Unterreichenbach und gingen dann zu Fuß in den Ortsteil, in dem das Gasthaus war. Dort arbeiteten wir mehrere Tage im Weinkeller. An einem Nachmittag nahm mein Monteur eine Korbflasche aus diesem Keller und trank daraus, danach gab er mir ebenfalls einen Schluck. Es war eine Art Likör, der mir sehr gut schmeckte. Der Monteur nahm dann eine Eierlikörflasche und trank daraus, ich ebenfalls. Es dauerte nicht lange, da war ich betrunken. Ich erinnere mich noch daran, dass wir mit dem Werkzeugkoffer in der Hand auf der Straße von dem Gasthaus zum Bahnhof nach Unterreichenbach gelaufen sind. Mit dem Zug fuhren wir nach Pforzheim und ich wurde, nachdem ich mich mehrmals übergeben hatte, mit dem Krankenwagen vom Hauptbahnhof in Pforzheim sofort in das städtische Krankenhaus gebracht, wo ich die nächsten 14 Tage verbringen musste. Mein Lehrherr machte sich große Sorgen um mich. Der Monteur, der mich zum Alkohol verführt hatte, hatte seine Aufsichtspflicht mir gegenüber grob verletzt. Meine Mutter war außer sich, denn zum gleichen Zeitpunkt lag mein Großvater wegen seines Nieren- und Blasenkarzinoms im selben Krankenhaus. Ich besuchte täglich meinen Großvater, der nur zwei Etagen über mir lag. Das war das einzig Positive an diesem Krankenhausaufenthalt.

Am 8. April 1961, im Alter von 16 Jahren, habe ich meine Lehrzeit nach drei Jahren mit Erfolg beendet. Nun hatte ich – gemäß dem Wunsch meiner Mutter – einen Beruf, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Ich hatte nun einen Beruf, den ich nicht erlernen wollte, der aber die Grundlage zu all meinen beruflichen Erfolgen im meinem späteren Leben werden sollte. Ich ahnte nicht, dass ich in drei Jahren Soldat bei der Luftwaffe sein würde, dass ich in zehn Jahren verheiratet sein und mitten in Brötzingen wohnen würde. Und noch viel weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich 1972, also elf Jahre später  eine Ingenieurgesellschaft gründen würde.