Älterwerden
Im Alter von 24 Jahren wurde ich, nach vier Jahren Soldat bei der Luftwaffe, in das Privatleben entlassen. Zu diesem Zeitpunkt lernte ich meine spätere Ehefrau kennen. Bei der Vorbereitung auf Studium, die berufliche Tätigkeit, Partnerschaft und das vor mir liegende Leben überhaupt, habe ich mir schon damals Gedanken über das Älterwerden gemacht. Schon in jungen Jahren habe ich den humorvollen Satz geprägt, dass am 24. Dezember Heiligabend ist und dass es keinen Sinn macht, wenn erst am 25. Dezember Geschenke und der Tannenbaum besorgt werden. Ich habe diesen Satz mit dem Älterwerden verglichen. Denn wenn es das Schicksal gut mit mir meint und ich keine schwere Krankheit bekomme oder einen Unfall habe, dann werde ich älter. Und dann muss ich so gut es geht Vorsorge getroffen haben. Meine Vorsorge bestand darin, dass ich mich für eine selbständige Tätigkeit entschieden und ein Ingenieurbüro gegründet habe. Meine Ehefrau hat dies ebenfalls erkannt und mich mit der Gründung ihrer eigenen selbständigen Tätigkeit maßgeblich unterstützt. Um die am meisten notwendigen Bedürfnisse beim Älterwerden zu erkennen, musste ich nur die älteren Menschen in unserem Umfeld anschauen. Mir wurde schnell klar, dass neben der Pflege und dem Training von Körper, Seele und Geist ein solides finanzielles Fundament von entscheidender Bedeutung ist. Mich ausschließlich auf meine Rente, also den Staat, zu verlassen, erschien mir zu unsicher, da sich bis zu meinem Renteneintritt ja noch vieles ändern konnte. Und da ich weder als Almosenempfänger enden wollte noch von anderen abhängig sein und womöglich über mich bestimmen lassen wollte, habe ich in jungen Jahren die Grundsteine für ein finanziell sorgenfreies Leben im Alter gelegt. Denn ich wusste damals schon, dass sich das große Erbe meines Erzeugers für mich in Luft aufgelöst hatte.
Im Laufe der kommenden Jahre habe ich angefangen, in den eigenen Körper reinzuhören, um Bedürfnisse zu erforschen, die beim Älterwerden auftreten und nicht vernachlässigt werden dürfen. Natürlich nur soweit wie mir diese Erkenntnis überhaupt möglich war. Denn bisher hatte ich diese Bedürfnisse noch nicht erlebt. Und ich habe schon damals vermutet, dass das Älterwerden auch zu einem großen Teil im Kopf stattfindet.
Unsere Eltern haben uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes mitgegeben. Aber meine Frau und ich haben erkannt, dass uns dies nicht ausreicht und auch Schule und Studium uns nicht alles gegeben haben, was uns für ein gelingendes Leben als sinnvoll erschien.
Wir haben erkannt, dass wir unsere Kräfte nicht nur in unsere beruflichen Tätigkeiten investieren möchten, sondern auch in unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Aus diesem Grund haben wir viel Zeit in die Weiterbildung von Seele und Geist investiert. Wir waren davon überzeugt, dass dies eine sinnvolle Investition zur Vorbereitung auf das Älterwerden ist. Um uns diesen Wunsch erfüllen zu können, mussten wir die Pflege und Reinigung unserer Wohnung sowie die notwendigen Tätigkeiten in unserem Haushalt in andere Hände legen. Wir haben damit viel Vertrauen in die Hände von Menschen gelegt, die wir vorher nicht kannten. Aber auf diese Weise haben wir diese Fähigkeit des Vertrauens errungen und gefestigt. Im Rückblick, nach 55 Jahren, hat sich diese Entscheidung als genau dir richtige erwiesen.
Heute erkennen wir auch, dass Freunde und Menschen, die uns im Laufe vieler Jahre ans Herz gewachsen sind, im Alter nicht nur körperlich abgebaut haben, sondern auch geistig und in ihrer seelischen Entwicklung stehen geblieben sind. Bei vielen erkennen wir ein großes Desinteresse und Abschalten vom Leben, sowie Hoffnungslosigkeit gepaart mit Vertrauensverlust. Trotz guten bis sehr guten finanziellen Möglichkeiten lassen sie die Hilfe von fremden Menschen nicht zu, weil sie diesen Menschen nicht trauen. Viele haben in Häuser und Immobilien investiert und dabei die eigene wichtige Erholung von Körper, Seele und Geist vernachlässigt.
Meine Frau und ich sind einen anderen Weg gegangen. Und Freunde und Bekannte beneiden uns immer wieder, dass wir hauptsächlich in uns persönlich investiert haben. Vor kurzem wurden wir von Freunden angesprochen, dass es eine gute Entscheidung gewesen sei, in den letzten 55 Jahren jeweils zwei Monate pro Jahr zur körperlichen und geistigen Erholung zu nutzen. Sie beglückwünschten uns außerdem zu dem bereits vor 20 Jahren getroffenen Entschluss, Klimaanlagen in unser Zuhause einbauen zu lassen. Denn seit dem genießen wir den Luxus, auch an heißen Tagen in angenehm temperierten Räumen zu leben.
Um sich auf die Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringt, einzustellen, müssen wir lernen, vieles anzunehmen, aber auch vieles loszulassen. Wir müssen bereit sein, ein Stück Gesundheit loszulassen, aber auch Beziehungen oder die Sexualität. Dafür dürfen wir uns auf Weisheit und Gelassenheit freuen. Und Gelassenheit bedeutet in diesem Falle, dass ich die Dinge so lasse, wie sie sind. Aber vor allem müssen wir bereit sein, das eigene Ego loszulassen. Wir müssen darüber nachdenken und akzeptieren, dass auch Einsamkeit in unser Leben treten kann und dass das Alter und unser Ende unausweichlich näher kommen. Das Kennenlernen und das Akzeptieren der eigenen Grenzen ist dringend notwendig. Und das wünsche ich uns allen.
