Ärger
Anlässlich der Gratulation zu einem meiner Geburtstage hat mir ein lieber Freund neben den guten Wünschen für Gesundheit und ein langes Leben, gewünscht, dass ich mich überhaupt nicht mehr ärgern sollte. Dies ist Anlass genug, mich mit dem Thema Ärger zu befassen. Zumal ich kürzlich gelesen habe, dass Ärger Stress erzeugt und außerdem das seelische Gleichgewicht beeinträchtigt und schwächt. Ärger solle auch neben Belastung der Nerven, die Esslust und die Verdauung hemmen. Demnach macht Ärger also krank. Längerer Ärger könnte auch zu Verletzungen der Seele führen und damit Einfluss auf die Gesundheit haben, würde also der Gesundheit schaden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Ärger über einen längeren Zeitraum unangenehm wirken kann. Gleich mehrere berühmte und intelligente Persönlichkeiten sollen gesagt haben, wenn sie gewusst hätten, dass sie ohne Ärger viel glücklicher leben, dann hätten sie dies schon viel früher beachtet.
Wer verärgert ist, kann möglicherweise seine Beherrschung verlieren. Dann ist sachliches Reden und Argumentieren nicht mehr möglich, was dann nur neuen Ärger nach sich zieht. Also ist es sehr wichtig zu erkennen und zu hinterfragen, warum sich jemand ärgert.
Ich kann möglicherweise an der Situation, über die ich mich ärgere, oder an der Person, über die ich mich ärgere, nichts ändern und schade mir in diesem Moment nur selbst. Oder ärgere ich mich um des Ärgerns willen?
Oder ist Ärger gar ein Mittel, mit dem ich andere – seien es Freunde, Familienangehörige, Kollegen oder Mitarbeiter – versuche zu manipulieren? Damit ich ohne große Mühe mein Ziel erreiche?
Man muss sich auch die Frage stellen: Warum ärgere ich mich über etwas oder über jemanden oder eine Situation, die schon lange vorbei ist? Habe ich die Befürchtung, dass sich diese Situation zukünftig wiederholen könnte? Was könnte ich tun, damit sich ein Ärgernis nicht wiederholt? Müsste ich mich nicht selbst fragen, ob ich mit diesem Ärger besser klarkommen würde, wenn ich mich damit arrangiere?
Müsste ich gar an meiner Einstellung oder an meiner Erwartung oder an meinen Glaubenssätzen etwas ändern?
Hinzukommt, dass ich selbst entscheiden kann und muss, wie lange ich mit einem Ärgernis umgehe und wie lange er mich umtreibt.
Bei K.O. Schmidt, einem Schriftsteller, der über glückliches Leben geschrieben hat, heißt es, dass jeder Mensch selbst darüber bestimmt, wie lange ein Ärgernis bei ihm anhält, ob er ihm nur eine Minute gewährt oder ob er sich länger von ihm quälen lässt.
Man muss sich schon fragen, welchen Vorteil habe ich davon, über einen längeren Zeitraum an meinem Ärger festzuhalten? Füge ich mir damit nicht selbst den größten Schaden zu? Oder wäre es nicht besser, nach einem Sprichwort zu verfahren, das da heißt: Was kümmert es eine deutsche Eiche, wenn sich ein Wildschwein an ihr reibt.
Ich muss mich nur in der entsprechenden Situation entscheiden, ob ich mich ärgern will und mir bewusst machen, warum ich mich ärgere und was ich damit erreichen will. Oder merke ich gar nicht, was der Grund meines Ärgers ist. Feststeht jedoch, dass ich grundsätzlich immer selbst für meinen Ärger verantwortlich bin.
Ich jedenfalls möchte erreichen, dass ich mich nicht über Dinge ärgere, die ich nicht ändern kann. Das wäre eine ganz wichtige Lektion für mich. Sie würde mir Stress ersparen, würde mir Energie für andere Dinge geben, wo ich tatsächlich etwas bewegen kann und würde meine Lebensqualität verbessern. Würde ich damit nicht auch viel sympathischer von meiner Umwelt wahrgenommen werden?
Ärger kann auch Wut erzeugen und durch Wut kann man aggressiv werden. Auch Unzufriedenheit kann schnell für ein Ärgernis sorgen. Wenn ich mich über einen Strafzettel ärgere, müsste ich doch erkennen, dass ich selbst für diese Situation verantwortlich bin.
Oder ein anderes Beispiel: Beim Autofahren ist es schon öfter vorgekommen, dass mir ein anderer die Vorfahrt genommen hat. Ich konnte bisher noch immer rechtzeitig bremsen und habe damit einen Unfall vermieden. Aber statt dass ich mir auf die Schulter klopfe und mir ein Kompliment mache, dass ich den Fehler eines anderen durch meine Reaktion ausgeglichen habe, ärgere ich mich, hupe und zeige möglicherweise dem anderen einen Vogel. Warum tue ich das? Und warum brauche ich das? Will ich mich über den anderen Autofahrer erheben, ihm zeigen, dass ich besser bin?
Stört mich ein bestimmtes Verhalten an einer anderen Person, weil ich dies selbst praktiziere und an mir nicht mag? Projiziere ich dann eine an mir ungeliebte Eigenschaft unbewusst auf andere Menschen? Eine Vielzahl an Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss, sofern er das will. Dazu ist sicher oft auch fremde Hilfe nötig. Denn alles was Ärger, Missmut, Verstimmung, Aufgeregtheit, Zorn und Wut auslöst, entzieht uns Kräfte und bringt uns vielleicht unserem biologischen Ende näher. Die ständige Bereitschaft, sich zu ärgern, wäre demnach eine Art von Selbstzerstörung oder gar eine Form von Selbstmord?
In der Psychologie wird von einem Schatten gesprochen. Das soll, wie ich es verstanden habe, eine dunkle Seite in uns sein, die hauptsächlich für Ärger verantwortlich ist. Jeder von uns kann, wenn der eigene Ärger überhand nimmt, professionelle, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Man muss nur erkennen, dass man diese Hilfe braucht.
Und Kurt Tucholsky hat uns hinterlassen:
Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nutzen.
Und ich kann für mich nur festhalten: Wer sich ärgert, ist im Grunde selber Schuld.
