Stefan Zeisberger – mein Erzeuger
Es war einmal, so fangen viele Märchen an. Aber meine Geburt, meine Kindheit und Jugend, mein Leben insgesamt war alles andere als ein Märchen, es war harte Realität. Ich meine damit nicht nur die widrigen Umstände, unter denen ich aufgewachsen bin. Zu meiner Lebens-Realität gehört auch, dass ich erst im Alter von zwölf Jahren erfahren habe, wer mein Vater, beziehungsweise mein Erzeuger war.
Dieses denkwürdige Ereignis spielte sich im Sommer 1956 ab. Wir lebten seit drei Jahren in Pforzheim–Brötzingen. Es muss ein Samstag gewesen sein, denn meine Mutter war nicht bei der Arbeit in der Schmuckfabrik, sondern zu Hause. Mein Großvater, meine Mutter und ich saßen am frühen Abend in der kleinen Küche zum Vesper. Meine Schwester Walburga war nicht dabei. Ich erinnere mich noch an Einzelheiten. So saß ich beispielsweise neben dem Kühlschrank, mit dem Rücken zur Wohnzimmerwand. Meine Mutter hatte ihren Platz vor dem Spülstein und mein Großvater saß mit dem Rücken zum Küchenherd. Die beiden unterhielten sich über Stefan Zeisberger. In Gegenwart von uns Kindern sprachen sie immer vom lieben Onkel Zeisberger. Da ich bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht wusste, wer mein Vater war, habe ich an diesem Abend einfach gefragt, ob denn dieser Onkel Zeisberger mein Vater sei. Meine Mutter und mein Großvater schauten überrascht auf, lächelten etwas verschämt und bestätigten mir schließlich, dass dieser Onkel Zeisberger mein leiblicher Vater sei, fügten aber hinzu, dass er bereits 1952 in Murr bei Ludwigsburg im Alter von 65 Jahren verstorben sei. Auch sei er der Vater meiner Schwester Walburga. Zum Zeitpunkt von Stefan Zeisbergers Tod lebten wir noch auf einem Bauernhof in Rohrbach bei Sinsheim und ich erinnerte mich sehr gut daran, dass der liebe Onkel Zeisberger uns dort mehrmals besucht hatte. Nachdem dieses Geheimnis nun gelüftet war, erzählten Mutter und Großvater mit stolzgeschwellter Brust, dass er mich bei seinen Besuchen immer auf den Schoß nahm, mich herzte, streichelte und mich auf die Stirn küsste. Er sei richtiggehend vernarrt in mich gewesen und habe beteuert, dass ich sein einziger männlicher Nachfolger sei. Von dem Zeitpunkt an war ich einerseits froh und auch erleichtert, endlich zu wissen, wer mein Vater war. Andererseits machte es mich traurig, dies erst jetzt zu erfahren, wo er schon mehrere Jahre tot war. Ich hatte also weder einen Vater, der sich um mich gekümmert hat, noch die Möglichkeit, ihn wenigstens richtig kennen zu lernen. Für mich und mein künftiges Leben bedeutete dies, dass ich mich mit Verlustängsten, Zwängen, Täuschungen und Nachteilen herumschlagen musste. Ich verdankte ihm, dass er mich gezeugt hatte. Andererseits habe ich im späteren Leben viel Verachtung, ja, auch Hass für ihn empfunden. Er ist mir als Vater stets fremd geblieben. Ich musste 80 Jahre alt werden, um mich innerlich einigermaßen mit ihm auszusöhnen und aufgrund vieler Erzählungen meiner Mutter und weiterer Verwandten und Vertriebenen kann ich mich heute auch ein stückweit in seine Lage hineinversetzen.
Ich war also acht Jahre alt, meine Schwester sechs Jahre alt, als unser Erzeuger starb. Er wurde, genauso wie wir, mit seiner Frau und zwei Töchtern 1946 vertrieben. Er lebte dann in Murr bei Ludwigsburg. Wie mir meine Mutter erzählte, besuchte er uns insgesamt dreimal für jeweils zwei Tage in Rohrbach und drückte meiner Mutter dann bei der Abreise 20 Mark für uns Kinder in die Hand. Bei seinem letzten Besuch sagte er meiner Mutter, dass er sich jetzt scheiden ließe und dann meine Mutter heiraten wolle. Er war damals schon 64 Jahre alt, wohingegen meine Mutter noch nicht einmal 40 war. Nach all den Enttäuschungen, die meine Mutter mit ihm erlebt hatte, lehnte sie diesen Vorschlag ab. Daraufhin war mein Erzeuger wohl sehr traurig, versicherte meiner Mutter und meinem Großvater jedoch, dass er per Testament alles für meine Schwester und mich geregelt hätte und wir keine Nachteile hätten. Nur leider kam es anders. Wir blieben auch nach seinem Tod bettelarm. Von dem Vermögen meines Erzeugers haben wir keinen Pfennig gesehen.
Am Tag vor der Nachricht über den Tod meines Erzeugers, erzählte meine Mutter beim Frühstück, dass sie einen Traum gehabt habe, in welchem Stefan Zeisberger vor ihrem Bett gestanden und aus der Nase geblutet habe. Die Blutstropfen hätten ihre weiße Bettdecke befleckt, dann sei sie aufgewacht. Mein Großvater beruhigte meine Mutter, jedoch tags darauf traf die Nachricht ein, dass Stefan Zeisberger verstorben war.
Stefan Zeisberger wurde am 21. Februar 1887 in Klantendorf bei Fulnek im Sudetenland geboren. Er starb am 13. April 1952 in Murr bei Ludwigsburg. Er war bei der Geburt meiner Mutter bereits 25 Jahre alt. Auch war er nur neun Jahre jünger als mein Großvater. Er war im Sudetenland ein hochgeachteter, einflussreicher Großgrundbesitzer und ritt, wie mir meine Mutter immer wieder erzählte, auf einem seiner Pferde täglich seine Ländereien ab. Er hatte eine sehr vermögende Frau geheiratet, mit der er zwei Söhne und zwei Töchter hatte. Ein Sohn starb als Kleinkind und der andere Sohn, der Alfred hieß, ist nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Stefan Zeisberger war der Musik sehr verbunden, er spielte Klavier und war als Organist tätig. Nach der Vertreibung spielte er im Raum Ludwigsburg sonntags bei katholischen Gottesdiensten die Orgel. Ich habe ihn nur einmal als Kind beim Orgelspiel erlebt. Das war in Eppingen anlässlich der Hochzeit meiner Patentante Ermelinde Forgatsch. Mein Erzeuger spielte die Orgel und meine Mutter sang dazu mit ihrem herrlichen Altsopran das Ave Maria. Ich werde den Anblick meiner Mutter und meines Erzeugers auf der Empore nie vergessen. Ich war begeistert, wie man als Kind nur begeistert sein kann. Hätte ich damals schon gewusst, dass der Organist, der Onkel Zeisberger, mein Vater war, dann wäre meine Brust sicher vor Stolz geplatzt.
Mich hatte man als Schornsteinfeger verkleidet, ich trug eine kleine Leiter über der Schulter und musste in der Kirche als Glücksbringer für meine Patentante ein Gedicht vortragen.
Ich bedauere es sehr, dass ich meinen Vater oder besser gesagt, meinen Erzeuger, nie richtig gekannt habe. Für mich war er halt der Onkel Zeisberger, aber damit auch ein Fremder. Er hat mein damaliges junges Leben nicht begleitet, war kein väterliches Vorbild für mich. Ich bin froh, dass mein Großvater so gut er konnte die Vaterstelle übernommen hat. Unter diesen Umständen war er ein Segen für mich, zumal die Psyche meiner Mutter nach all dem was sie tragen musste und ertragen hatte sehr angegriffen war und sie nur noch um sich schlug. Heute weiß ich, warum sie so wütend war.
Alles, was ich über meinen Vater weiß, habe ich von Verwandten und insbesondere von meiner Mutter erfahren. Für meine Mutter war Stefan Zeisberger das Höchste. Sie muss unsterblich verliebt gewesen sein, sonst hätte sie das, was sie mit ihm erleben musste, nicht über viele Jahre aushalten können. Meine Mutter war 18 Jahre, er bereits 43 Jahre alt, als mein Erzeuger sich um sie bemühte. 14 Jahre später kam ich zur Welt, da war er 57 Jahre alt. Meine Schwester kam zwei Jahre später auf die Welt, da war er 59 Jahre alt.
Mehrere Verwandte und damalige Zeitzeugen berichteten mir, dass auf dem Gutshof meines Erzeugers unter anderem viele Mägde gearbeitet haben. Deren Zimmer waren vom Schlafbereich meines Erzeugers nur über einen langen Flur getrennt. Und die humorvollen Bemerkungen meiner Informanten ließen darauf schließen, dass mein Erzeuger mit viel Freude die Zimmer seiner Mägde aufgesucht habe. Ob meine Mutter in ihrer totalen Verliebtheit davon Kenntnis hatte, ist mir nicht bekannt. Auch werde ich wohl nie erfahren, wie viele Schwangerschaften auf diese Weise zustande gekommen sind oder gar wie viele Halbgeschwister ich womöglich habe.
Was ich jedoch aus den Erzählungen meiner Mutter weiß, ist die Tatsache, dass Stefan Zeisberger einige Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um möglichst keine unehelichen Kinder in die Welt zu setzen. Meine Mutter sei nämlich drei Jahre vor meiner Geburt schon einmal schwanger gewesen und von Stefan Zeisberger zur Abtreibung gedrängt worden. Nachdem sie sich geweigert hatte, habe er sie zu einer Spritztour mit dem Motorrad eingeladen und sei dabei über sehr holprige Wege und Straßen, auch über Bahnschwellen, gefahren. Das gewünschte Ergebnis trat prompt ein: Meine Mutter erlitt eine Fehlgeburt, sie war damals 29 Jahre alt.
Als sie dann mit mir schwanger war, wollte Zeisberger sie dazu nötigen, sich mit einem anderen Mann sexuell einzulassen, um diesen dann als den Vater des Kindes auszugeben. Auch das lehnte meine Mutter ab. Ich frage mich heute immer noch, warum sie das alles so unkritisch hingenommen hat. War sie so verliebt in diesen Stefan Zeisberger, war sie blind vor Liebe? Oder wollte sie die Realitäten einfach nicht wahrhaben? Ich konnte es trotz meiner vielfachen Nachfragen nicht in Erfahrung bringen.
Stefan Zeisberger gab meiner Mutter und auch gegenüber meinem Großvater immer wieder zu verstehen, dass er seine Familie verlassen und meine Mutter heiraten wolle. Sie sei dann die Herrin seines ganzen Besitzes. Er müsse mit der Scheidung nur noch warten bis sein vermögender und schwerkranker Schwiegervater gestorben sei. Der Schwiegervater starb allerdings erst mehrere Jahre später, und in der Zwischenzeit hat das Schicksal seinen Lauf genommen. Der Krieg brachte großes Leid mit sich. In unserer Familie ist meine Großmutter Maria Leipert durch einen Kopfschuss getötet worden. Sie lag tot in der Hauseingangstüre. Meine Mutter wurde sicher in den Armen meines Erzeugers getröstet. Umgekehrt musste sie auch ihn trösten, denn er hatte die Nachricht erhalten, dass sein Sohn Alfred im Feld gefallen war. Das gegenseitige Trösten hatte zur Folge, dass meine Schwester Walburga nur 17 Monate nach meiner Geburt, im Dezember 1945, zur Welt kam. Der Krieg endete im Mai 1945 und danach begann die Vertreibung.
Irgendwann im Jahr 1946 kamen wir in Rohrbach bei Sinsheim in Baden-Württemberg an. Jetzt standen die wirtschaftlichen und finanziellen Sorgen meiner Familie im Vordergrund. Mein Erzeuger kümmerte sich nicht um unsere Belange und Bedürfnisse, man muss ihm allerdings zugute halten, dass auch er alles verloren und seine eigenen Probleme hatte.
Was ich ihm aber bis heute nicht durchgehen lasse ist, dass er meiner Mutter strikt verboten hat, ihn als Vater in den Geburtsdokumenten von mir und meiner Schwester anzugeben. Weshalb meiner Mutter und auch Großvater dieses Spiel mitgespielt haben, bleibt mir auf ewig ein Rätsel.
Ich erinnere mich noch ganz genau an ein Treffen mehrerer Sudetendeutscher, Vertriebener und ihren Familien so um das Jahr 1950 herum in Ludwigsburg. Meine Mutter wollte uns, Walburga und mich Stefan Zeisberger als seine Kinder an die Hand geben und er hat uns vor den Augen seiner Familie nicht an die Hand genommen und auch nicht berührt. Er hat uns einfach ignoriert. Sein Verhalten wurde von allen toleriert. Er galt eben nach wie vor als eine große Autorität und ein Strahlemann. Meine Mutter wurde hingegen als Mätresse abgestempelt.
Ich habe Jahre später von vielen Menschen erfahren, dass sie um das Verhältnis von Stefan Zeisberger und meiner Mutter sehr wohl Bescheid wussten und auch, dass meine Schwester und ich daraus hervorgegangen sind. Selbstverständlich wusste es auch mein Großvater. Über sein jahrelanges passives Verhalten habe ich mich oft gewundert und ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass er sich sehr schämte und mich deshalb auch immer beschützte.
Viele Heimatvertriebene haben in den vergangenen Jahrzehnten unseren Heimatort Klantendorf besucht. Dort lebte bis vor kurzem Maria Sokol, eine Deutsche, die vor der Vertreibung einen Tschechen geheiratet hatte, und somit nicht vertrieben wurde. Frau Sokol war mit meiner Mutter befreundet und hat bei allen Besuchern im Ort nachgefragt, wie es denn den beiden Kindern von Stefan Zeisberger und Maria Leipert, der Walburga und dem Norbert, in Deutschland ergehen würde.
Heute, nachdem ich so vieles gemeistert habe und auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann, empfinde ich großes Mitleid mit meiner Mutter. Sie wurde vom Leben, den Umständen, dem Krieg und der Vertreibung in keiner Phase ihres Daseins verwöhnt. Von dem Mann, den sie abgöttisch liebte und dem sie – so sehe ich es heute – verfallen war, wurde sie einfach nur benutzt. Mag sein, dass er sie auf seine Weise geliebt hat, und vielleicht sogar gerne ihr Mann und unser Vater gewesen wäre. Doch schien ihm sein Ansehen und sein Geld wichtiger zu sein, als die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Er hat uns verraten, er überließ uns unserem Schicksal, wohl wissend, dass er uns damit großes Leid zugefügt hat. Wie oft wurde ich beispielsweise als Bankert beschimpft! Bankert ist ein Synonym für Bastard, ein abfälliger Begriff für unehelich geborene Kinder. Auch wenn es heißt, man solle nicht schlecht über Verstorbene reden, kann ich ihn von dieser Schuld nicht freisprechen, genauso wenig wie ich Zuneigung oder gar Liebe für ihn empfinden kann. Er hat mich gezeugt, hat mir das Leben gegeben, dafür muss ich dankbar sein. Aber alles, was ich Gutes in meinem weiteren Leben erfahren habe und was ich an Schönem genießen durfte und immer noch genießen darf habe ich mir aus eigener Kraft erarbeitet und aufgebaut. Ich bin aus tiefer Armut ohne das finanzielle Erbe meines Erzeugers wohlhabend und erfolgreich geworden. Das notwendige Rüstzeug dazu habe ich in der Schule des Lebens erhalten.
