Neuanfang
Unser Neuanfang in der durch den Krieg zerstörten Stadt Pforzheim war alles andere als einfach. Nicht nur meine Familie hatte schwer ums Überleben zu kämpfen, auch viele Bekannte, die wie wir aus dem Sudetenland vertrieben worden waren, teilten dieses schwere Schicksal. Wir lebten in den Trümmern einer nahezu vollständig zerbombten Stadt, in der Mangel und Not unser Dasein bestimmten. Viele Sudetendeutsche trugen nach wie vor die alte Heimat im Herzen und hofften immer noch darauf, irgendwann dorthin wieder zurückkehren zu können. Ihr Heimweh spürte ich ganz besonders bei den Treffen der vertriebenen Sudetendeutschen in Ludwigsburg, wo sie sich intensiv und häufig unter Tränen über Erinnerungen an die alte Heimat austauschten und ihre schwierigen ersten Schritte in der zugeteilten neuen Heimat in Baden-Württemberg beklagten. Die meisten, darunter auch meine Familie, fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. Sie sahen sich als Spielball mächtiger Politiker und hatten nach wie vor Angst vor der Zukunft. Hinzu kam, dass sie sich von der einheimischen Bevölkerung nicht angenommen fühlten. Beschimpfungen wie Rucksack-Deutsche oder Sau-Flüchtlinge machten noch nach Jahren die Runde.
Und selbstverständlich steckten auch die Kriegs- und Flucht-Traumata noch in den Knochen. Schon als Kind spürte ich das Leid in meiner Familie, es hing wie eine dunkle Wolke über uns und gehörte für mich wie selbstverständlich dazu. Und auch die von Angst geprägte Reaktion auf jedes Flugzeug in der Luft lernte ich im Laufe der Zeit als Wiederaufflammen von Erinnerungen an schreckliche Kriegszeiten einzuordnen. Für mich war das nicht ganz so schwer. Ich selbst hatte ja keine Bombardierung erlebt und auch an unsere Vertreibung aus dem Sudetenland, bei der ich noch keine zwei Jahre alt war, habe ich keine Erinnerung. Ich kannte das Sudetenland also nur aus Erzählungen.
An die Zeit ab meinem zweiten Geburtstag 1946 in dem Dorf Rohrbach bei Sinsheim kann ich mich allerdings noch ziemlich gut erinnern. Die meisten Erlebnisse haben mir nicht gut getan. Zum Glück konnte ich damals noch nicht beurteilen, was gut oder nicht gut für mich war. Ich hatte keine Vergleiche und musste glauben, was ich sah und hörte. Ich spürte nur, wenn etwas weh tat. Schläge zum Beispiel oder Verachtung oder Bestrafung, wie das Knien in der Zimmerecke auf harten Bohnen und Erbsen.
Aber jetzt waren wir in der neuen Heimat Pforzheim. Hier mussten wir zurecht kommen, das war unsere neue Realität. Der Stadtteil Brötzingen war jetzt endgültig meine neue Heimat geworden. Hier lebte ich seit meinem neunten Lebensjahr, also seit 1953. Hier ging ich zur Schule. Hier habe ich meine Lehre als Elektroinstallateur absolviert. Hier war ich acht Jahre Ministrant in der Kirche Sankt Antonius. Und so kam es, dass ich diesen alten Ortsteil, den ich durch meine Lehrzeit und das Austragen von Zeitungen immer besser kennen gelernt hatte, zu lieben begann. Hier hatte mich das Leben oder das Schicksal hin verpflanzt.
An Brötzingen habe ich auch heute noch viele schöne Erinnerungen. Wie beispielsweise die an meinen Lehrherrn Elektromeister Emil Linke, der mir während meiner Lehrzeit viel Gutes getan hat. Er war für mich wie eine Vaterfigur, und durch seinen Verdienst habe ich diesen Beruf so gut erlernt, dass er letztendlich die Grundlage für meinen späteren Erfolg wurde.
Doch vorerst musste meine Familie ums Überleben kämpfen. Aus eigener Kraft mussten wir die für das Leben notwendigen finanziellen Mittel aufbringen. Diese bestanden aus der sehr niedrigen Rente meines Großvaters und dem geringen Verdienst meiner Mutter für ihre Arbeit in einer Schmuckfabrik. Hinzukam der Lohn von Vera, unserem „Waisenkind“, die viele Jahre als Sekretärin bei der Firma Silkona Strumpffabrik arbeitete. Eine öffentliche Unterstützung gab es damals für uns nicht. Aber Damen des Jugendamtes Pforzheim standen mehrmals im Monat unangemeldet vor der Wohnungstüre und kontrollierten, ob meine Schwester und ich gut behandelt wurden und genügend zu essen hatten. Die Damen schauten in alle Schränke und sogar Betten und stellten dabei fest, dass wir immer noch auf den Kriegsfeldbetten schliefen, die wir 1946 im Lager Friedland von den Amerikanern erhalten und von Rohrbach nach Pforzheim mitgebracht hatten. Auf diesen zusammenklappbaren Feldbetten schliefen mein Großvater, meine Schwester und ich 14 Jahre lang, bis 1960. Die Kontrolldamen des Jugendamtes nahmen dies zwar zur Kenntnis, eine Verbesserung gab es jedoch nicht.
Im Alter von 28 Jahren verließ uns Vera. Sie zog mit ihrem Freund Walter, der beim Autohaus Rösch als Automechaniker gearbeitet hatte, nach Hannover. Zum einen konnte sie die sexuellen Übergriffe ihres Chefs nicht länger verkraften. Und zum anderen wollte sie ihre leibliche Mutter aufsuchen, über die sie erfahren hatte, dass sie vom Sudetenland nach Hannover vertrieben worden war. Meine Familie hatte für Veras Entscheidung Verständnis. Aber mit ihrem Wegzug fiel ihr Verdienst für unsere Familie weg, mit dem sie uns jahrelang unterstützt hatte. Von ihrem Gehalt wurden die Raten für unsere Wohnzimmermöbel abbezahlt und mit dafür gesorgt, dass wir unseren Hunger stillen konnten.
Um diesen finanziellen Verlust auszugleichen, haben wir alle Tätigkeiten übernommen, die wir kriegen konnten. Meine Mutter half in gleich mehreren Pforzheimer Schmuckfabriken als Hilfsarbeiterin aus. Der damalige Stundenlohn war so niedrig, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als nahezu Tag und Nacht zu arbeiten. Durch die ständige Übermüdung verlor sie bei einem Unfall an der Druckpresse einen Zeigefinger. Die Schmuckfirmen in Pforzheim hatten damals Hochkonjunktur, damit reich wurden jedoch nur die Fabrikanten. Mein Großvater übernahm die Betreuung einer Hühnerfarm und fuhr mit einem geliehenen Fahrrad bei jedem Wetter morgens und abends zum Hanfackerweg, um mehrere hundert Hühner zu füttern und zu versorgen. Manchmal brachte er zwei frisch gelegte Hühnereier mit, die er dort unerlaubt entwendet hatte. Ich habe Zeitschriften ausgetragen und das ganze Trinkgeld meiner Mutter abgegeben. Ich habe außerdem Altmetalle gesammelt und beim Schrotthändler gegen Geld abgeliefert. Und ich habe leere Pfandflaschen gesammelt. Damals bekam ich pro Pfandflasche 20 Pfennige. Heute werde ich fast täglich daran erinnert, wenn ich an Altcontainern vorbeifahre und sehe, dass es im reichen Deutschland Menschen gibt, die Pfandflaschen sammeln müssen, um überleben zu können.
Ich habe dem Hausmeister bei der Hofreinigung und beim Schneeschippen geholfen. Für ältere Mitbewohner habe ich Lebensmittel eingekauft und ihre Teppiche auf einer Stange im Hof ausgeklopft. Ich habe Autos gewaschen und mit meiner Schwester alle möglichen Beeren gesammelt. Mit meinem Großvater habe ich viele Pilze gesammelt. Wir haben für die französische Kaserne Weinbergschnecken gesammelt und dafür eine DM pro Kilogramm bekommen. Nachdem in Brötzingen das Kino Scala gebaut worden war, sprach es sich herum, dass man gegen Reinigungsarbeiten Freikarten bekommen würde. Ich hatte noch nie einen Film in einem Kino gesehen und mich deshalb für diese Arbeit gemeldet. Von da an habe ich fast täglich im Vorführsaal die Sitze und den Fußboden gereinigt und dafür jeweils eine Freikarte bekommen. Somit konnten meine Schwester und ich an einem Nachmittag unter der Woche einen Film im Kino ansehen. An den Wochenenden haben die Freikarten nicht gegolten.
Um unsere Familie besser mit frischen Lebensmitteln zu versorgen, hat meine Mutter einen großen Gemüsegarten gepachtet, der rund zwei Kilometer von unserer Wohnung entfernt war. Während der Gartensaison mussten meine Schwester und ich dort mithelfen. Obwohl uns diese tägliche Arbeit wirklich nicht leichtfiel, waren wir froh und glücklich, dass wir eigenes Gemüse, Kartoffeln, Erdbeeren und vieles andere mehr ernten konnten und nicht kaufen mussten. Meine Mutter züchtete dann auch Kaninchen. Damit haben wir in diesen schlechten Zeiten hauptsächlich den Bedarf an Fleisch für unsere Familie abgedeckt. Außer Kaninchenfleisch gab es nur noch Würstchen vom Pferdemetzger, da diese sehr billig waren. Beim Schlachten der Kaninchen musste ich meiner Mutter helfen, indem ich die Tiere an den Hinterbeinen und an den Ohren festhielt. Meine Mutter schlug dann dem Kaninchen mit einem Stock hinter die Ohren, damit es bewusstlos wurde und schnitt ihm anschließend die Kehle durch. Ich musste nun das Tier so lange festhalten, bis es sich nicht mehr rührte, dann wurde es an den Hinterbeinen aufgehängt, das Fell abgezogen und die Innereien heraus genommen. Für mich war diese Prozedur immer wieder eine Qual, denn meine Schwester und ich hatten die Kaninchen täglich gefüttert und gestreichelt. Von meinem 18. Lebensjahr an konnte ich kein Fleisch mehr essen, das von Kaninchen stammt.
Wir haben getan, was wir konnten, um uns über Wasser zu halten. Wir haben gearbeitet, ja regelrecht geschuftet, und gehofft, dass es uns einmal besser gehen würde.
Obwohl meine Schwester und ich genug Möglichkeiten zu stehlen oder zu betrügen hatten, haben wir es Gott sei Dank geschafft, nicht kriminell zu werden. Vielen meiner gleichaltrigen Freunde und Schulkameraden ist das nicht gelungen. Sie wurden kriminell und haben sich damit ihr zukünftiges Leben verbaut.
Im Rückblick auf mein Leben muss ich sagen, der Neubeginn in Pforzheim war für uns alle zweifelsohne sehr hart. Ohne Besitz und häufig ohne Anerkennung musste bei null angefangen werden, um sich Schritt für Schritt eine neue Existenz aufzubauen. Es war eine strenge Zeit, in der uns sehr viel abverlangt worden ist. Aber es war auch eine gute Vorbereitung für das vor uns liegende Leben. Heute weiß ich, dass ich aus dem Buch meines Lebens keine Seite entfernen kann, egal, wie sehr ich es auch wollte. Aber ich kann jederzeit ein neues Kapitel beginnen.
