Mein Großvater

Mein Großvater Franz Xaver Leipert wurde am 3. Dezember 1876 in Wien geboren, gestorben ist er am 11. August 1961 in Pforzheim, Baden-Württemberg. Seine ersten Jahre verbrachte er in Österreich, er war Musiker und Dirigent, später siedelte er in das Sudetenland über. Er wusste was Krieg bedeutet, denn er diente als K.u.K. Soldat im Ersten Weltkrieg. Am 15. Mai 1915 war er zum Heeresdienst einberufen worden und hatte nach erfolgter militärischer Ausbildung ruhmreichen Anteil am Feldzug gegen Russland. Er kämpfte in Odessa am Schwarzen Meer, an der serbischen Front bei Belgrad, in Montenegro sowie in Griechenland bei Saloniki. Im November 1918 wurde er mit Ehrungen und Auszeichnungen aus dem Heeresdienst entlassen.

Bei seiner Einberufung war seine Tochter, also meine Mutter, knapp drei Jahre alt. Sein Sohn Franz, mein Onkel, wurde im Januar 1914 geboren und war ein Jahr und vier Monate alt, als der Vater seine Familie verlassen musste und erst nach dreieinhalb Jahren aus dem Ersten Weltkrieg wieder zurückkehrte.

Das Lieblingsinstrument meines Großvaters war seine Geige, er spielte aber auch Tuba und Trompete. Neben seiner musikalischen Tätigkeit hat er vielen jungen Menschen das Geigenspiel beigebracht.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurden deutsche Bürger im Sudetenland von den tschechischen Verwaltungen oft sehr schlecht behandelt. Mein Großvater wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet und musste mehrere Jahre als Zwangsarbeiter in tschechischen Fabriken und Bergwerken arbeiten.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde seine Frau Maria, meine Großmutter, vor der Haustüre erschossen. Als mein Großvater seine tote Frau fand, sei dies, laut meiner Mutter, wie ein Erdbeben für seine Seele gewesen. Wer meine Großmutter erschossen hat wurde nie bekannt, es wurde auch nie untersucht. Waren es russische Soldaten, waren es Tschechen oder gar deutsch-tschechische Nachbarn? Meine schwangere Mutter und mein Großvater trugen die Leiche auf den nahegelegenen Friedhof und begannen, ein Grab auszuheben, als sich ihnen mehrere russische Soldaten näherten, mit der Absicht, meine Mutter zu vergewaltigen. Sie schossen auf meinen Großvater, weil der sich schützend vor meine Mutter gestellt hatte. Gott sei Dank bekam er nur einen Streifschuss am Bauch ab. Die Gürtelschnalle wurde weggeschossen und er blieb am Leben. Ein russischer Offizier, der gut deutsch sprach, kam wegen des Lärms auf den Friedhof, als er deren Treiben sah, befahl er ihnen, den Friedhof sofort zu verlassen. Danach herrschte Ruhe und meine Großmutter konnte ohne weitere Zwischenfälle begraben werden.

Im Mai 1946 wurde mein Großvater sowie die gesamte Familie mit Waffengewalt aus dem Sudetenland vertrieben. Nach wochenlanger Reise und Monaten in verschiedenen Auffanglagern kam die Familie in Rohrbach bei Sinsheim in Baden-Württemberg an. Dort verbrachten wir dann sieben Jahre unseres Lebens.

1948 wurde mein Großvater krank. Er war inzwischen ein alter Mann geworden und, wie viele andere Männer seines Alters, litt er an einer Vergrößerung der Prostata. Das Wasserlassen machte ihm große Probleme,  es dauerte jedoch lange, bis er endlich einen Arzt aufsuchte, denn vermutlich war ihm sein Leiden peinlich. Eine Operation wurde aus mir bis heute unerklärlichen Gründen ausgeschlossen. Stattdessen bekam er einen Katheter verordnet, den er sich selbst in die Harnröhre einführen musste, um den Urin abzulassen. Ich habe immer wieder mit ansehen müssen, wie er sich ein mit Plastik ummanteltes dünnes Drähtchen durch die Harnröhre in die Blase schob und sich dabei regelmäßig verletzte, was man an dem von Blut rot verfärbten Urin sehen konnte. Mein Großvater tat mir sehr leid. Dieses Prozedere hat er bis zu seinem Tod 1961 praktiziert, es ist, wie ich erst viele Jahre später erfahren habe, eine Methode, die schon seit vielen Jahren im Sudetenland praktiziert worden war.

Ich denke auch heute noch oft an meinen Großvater. Er hat 16 Jahre meines Lebens begleitet und geprägt. Ich habe viel von ihm gelernt und er hat mich so oft er konnte beschützt. Am meisten dann, wenn ich Schläge von meiner Mutter bekommen habe. Hier fällt mir die Aussage von Astrid Lindgren ein, sie sagte: „Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln“. Genau das tat mein Großvater, er hat auch vieles in mich hinein gestreichelt.

Die Beerdigung meines Großvaters fand im August 1961 auf dem Hauptfriedhof in Pforzheim statt. Franz Forgatsch und ein weiterer Musiker aus dem Sudetenland spielten dabei mit ihren Trompeten das Stück “Ich hatte einen Kameraden“.

Was ich über den Tod meines Großvaters hinaus bis heute nicht nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass er mir viele Jahre den Namen meines Vaters verheimlicht und mitgetragen hat, dass mein Vater, Stefan Zeisberger, meiner Mutter untersagt hatte, seinen Namen bei den Behörden als leiblichen Vater von mir und meiner Schwester anzugeben. Damit wurde verhindert, dass er Unterhalt für uns Kinder und für meine Mutter bezahlen musste. Darüber hinaus wurden meine Schwester und ich von seinem umfangreichen finanziellen Erbe ausgeschlossen. Wir sind arm geblieben.

Ich war schon zwölf Jahre alt, als ich zufällig beim Abendessen erfuhr, dass Stefan Zeisberger mein Vater und der meiner Schwester ist. Mein Großvater hat dies nur widerwillig auf meine Frage hin bestätigt. Ich hatte damals den Eindruck, dass ihm dieses Thema sehr unangenehm war, heute glaube ich, dass er sich für seine Tochter geschämt hat. Denn zur damaligen Zeit war es für Frauen ein Makel, wenn sie uneheliche Kinder hatten. Hinzu kam, dass das Verhältnis zwischen meiner Mutter und Stefan Zeisberger ein offenes Geheimnis unter den Menschen aus unserem Ort im Sudetenland war. Mein Vater oder besser gesagt, mein Erzeuger, war Großvaters langjähriger Freund, er war Organist und im Sudetenland ein hoch angesehener, vermögender Gutsherr und verheirateter Familienvater. Letzteres hielt ihn jedoch nicht davon ab, über viele Jahre hinweg ein außereheliches Verhältnis mit der Tochter seines Freundes, also meiner Mutter, aufrecht zu erhalten.

Rund 30 Jahre später, ich war bestimmt schon 40 Jahre alt, erzählte mir meine Mutter, dass sie vor meiner Geburt schon einmal ein Kind erwartet hatte und dass es auf Betreiben von Stefan Zeisberger abgetrieben worden sei.  Aufgrund meiner diesbezüglichen schmerzhaften Erfahrungen während meiner Kindheit empfehle ich, dass Kinder nicht über ihre Herkunft im Unklaren gelassen werden dürfen.

Und wer aus Liebe oder irgendwelchen anderen Gründen Leben in die Welt setzt, muss auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen, unabhängig davon, welchem gesellschaftlichen Stand diese Personen angehören. Kinder dürfen grundsätzlich nie die Leidtragenden sein.

Deshalb gebührt der Familie Zarrella hoher Respekt und großer Dank, dass sie sich mit Unicef ehrenamtlich für Kinderrechte auf der ganzen Welt einsetzen.