Der Bub ist unmusikalisch!
Meine Vorfahren waren sehr musikalisch. In den Familien in unserem Ort wurde bei jeder sich passenden Gelegenheit musiziert. Mein Großvater,1876 in Wien geboren, arbeitete hauptsächlich als Dirigent und beherrschte mehrere Instrumente. Es gelang ihm, seine Geige bei der Vertreibung mitzunehmen. Neben der Geige konnte er auch Tuba und Trompete spielen, was er auch nach der Vertreibung in verschiedenen örtlichen Vereinen gemacht hat. In diesen Vereinen war er sehr begehrt und anerkannt, denn er hatte ein umfangreiches, musikalisches Wissen. Zu Hause spielte er nur auf seiner Geige, ich hörte ihm als Kind immer sehr fasziniert zu.
Mein Vater oder besser gesagt, mein Erzeuger, war neben seiner Gutsherren-Tätigkeit Organist und spielte auch Klavier. Meine Mutter sang die tiefe, weibliche Stimmlage Alt. Ich habe sie als Kind in der Kirche in Richen bei Eppingen das letzte Mal gehört. Bei der Hochzeit meiner Patentante Ermelinde Forgatsch sang sie das Ave Maria, begleitet wurde sie dabei von meinem Vater an der Orgel. Damals wusste ich noch nicht, dass er mein Vater war. Ich erinnere mich noch sehr gut an die vielen Abende bei uns zu Hause, an denen mein Großvater Geige gespielt und meine Mutter dazu gesungen hat. Heute kann ich nachvollziehen, dass dies eine Möglichkeit war, den Schmerz der Vertreibung aus der Heimat zu verarbeiten.
Ab meinem vierten Lebensjahr bekam ich Geigenunterricht von meinem Großvater, was bedeutete, dass ich täglich üben musste, ob ich wollte oder nicht. So sehr ich meinen Großvater liebte und schätzte, als mein Geigenlehrer ließ er es deutlich an pädagogischem Feingefühl fehlen. Sobald ich einen falschen Ton spielte, schlug er mir mit dem Geigenbogen über die Innenseite meiner Hände. Ich höre noch heute seine sonore Stimme, wenn er mich maßregelte: „Norbert, FIS habe ich gesagt!“ Irgendwann, ich glaube ich war damals sieben Jahre alt, hatte ich genug von diesen grausamen Lehrmethoden und beschloss, die Geige nie wieder in die Hand zu nehmen. Meine Mutter war darüber sehr erbost, doch letztendlich befand auch mein Großvater: „Der Bub ist unmusikalisch!“
Ich bedaure diesen Abbruch des Geigenunterrichts heute sehr und habe immer ein unangenehmes Gefühl, wenn ich eine Geige sehe oder Geigenmusik höre. Aber die pädagogischen Fähigkeiten meines Großvaters waren offensichtlich nicht sehr ausgeprägt, obwohl er selbst ein großartiger Musiker war. Erst viele Jahre später habe ich erfahren, dass er anderen Kindern im Sudetenland und nach der Vertreibung durchaus erfolgreich das Geigenspielen beigebracht hatte. Allerdings waren dies fremde Kinder und nicht wie ich Familienmitglieder. Warum dies so war, hat sich mir nie erschlossen.
Mein weiteres Leben hätte sicher anders ausgesehen, wenn mein Geigenunterricht erfolgreicher verlaufen wäre. Trotz allem bin ich sehr dankbar, dass es meinen Großvater gegeben hat und dass er mir viele seiner Lebensweisheiten weitergegeben, vor allem aber, dass er mich immer vor den Schlägen meiner Mutter beschützt hat.
