Nie wieder arm

Es ist Sonntag, der 1. Juni 2025. In den Medien wurde über den Brünner Todesmarsch vor 80 Jahren berichtet und im öffentlichen Fernsehen kamen noch lebende Zeitzeugen zu Wort. Dieser Todesmarsch war dem NS-Regime geschuldet, aber auch der Hassrede, die Edvard Benesch am 13. Mai 1945 in Brünn auf dem Rathausbalkon gehalten hatte. Diese Rede war der Auftakt eines großen Dramas, der kollektiven Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Der von Benesch entfachte Hass richtete sich auch gegen Unschuldige. Deutsche wurden als Untermenschen gebrandmarkt. Sie waren vogelfrei und konnten nach Belieben verletzt, beraubt und vergewaltigt werden. Diese schlimmen Zustände zeigen auf, was gezielt geschürter Hass anrichten kann. Es wurde auch von ethnischer Säuberung gesprochen.

Gleichzeitig lese ich in den Medien und höre in den Nachrichten über die ethnische Säuberung in Gaza. Ich frage mich, wiederholt sich die Geschichte, nur an anderen Orten? Muss die jeweilige unschuldige Bevölkerung immer wieder die Folgen von missratener Politik tragen und ertragen?

Und schon melden sich in mir die Erinnerungen an die Zeiten, als mir Jahre meiner Kindheit und Jugend geraubt wurden. Ich denke an den Zwangsumzug von einem Bauernhof in den anderen in Rohrbach bei Sinsheim, den die Gemeindeverwaltung beschlossen hatte, ohne meine Familie zu befragen. Wir waren halt die rechtlosen Rucksackdeutschen, ohne Mitspracherecht.

Mit unserem wenigen Hab und Gut bezogen wir bei dem Bauern August Schüle, unser neues Domizil. Dort hatten wir ein großes Wohnzimmer im Obergeschoss, in dem die Küche integriert war und in dem auch am wöchentlichen Badetag eine verzinkte Badewanne aufgestellt wurde. Meine Mutter, Großvater, meine Schwester und ich schliefen im Wohnzimmer. Vera, unser Waisenkind, damals schon 15 Jahre alt, hatte ein kleines Zimmer im Dachgeschoss. Die Toilette befand sich in dem Flur und musste mit anderen, fremden Vertriebenen, die auf der selben Etage untergebracht waren, geteilt werden.

Mit meinem Großvater ging ich sehr oft über die Felder und durch die Wälder. Wir sammelten alles, was essbar war. Insbesondere Pilze, Beeren, Obst, selbst Weinbergschnecken, also alles, was uns den Magen füllen konnte. Wir brachten auch giftige Pilze nach Hause, die dann von meiner Mutter so lange gebraten wurden, bis sich das Gift aufgelöst hatte und die Pilze gegessen werden konnten. Ich ging regelmäßig bei der Frau des Bäckers vorbei, um hartes Brot und Kuchenreste abzuholen, das sie mir schenkte. Wenn meine Schwester und ich tagsüber Hunger hatten, gingen wir auf eine Wiese hinter dem Bauernhof und haben dort Sauerampfer gegessen bis wir satt waren. Meine Schwester hat mich vor einigen Jahren daran erinnert, dass ich damals auf der Wiese gestanden bin und aus voller Kehle gerufen habe „nie wieder arm!“

Einmal wurde ich vor einem großen Unglück bewahrt. Nachdem es stark geregnet hatte, spielte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Regenpfützen und baute kleine Dämme, um das Regenwasser zu leiten. Meine Mutter rief mich ins Haus, ich rannte schnurstracks über die Straße und wurde von einem Mercedes erfasst. Ich landete auf dem Kotflügel neben dem Scheinwerfer. Der Schreck war uns allen ins Gesicht geschrieben, doch Gott sei Dank blieb ich unverletzt. Meine Mutter entschuldigte sich bei dem Fahrer, doch als wir wieder im Haus waren, wurde ich mit einer Tracht Prügel bestraft. Schläge gab es in meiner Kindheit viel, insbesondere von meiner Mutter. Mein Großvater hielt oft die Hände über mich und wehrte so die Schläge ab. So oft er konnte, beschützte er mich, aber er konnte auch nicht verhindern, dass ich für ein ungezogenes Verhalten in einer Zimmerecke auf harten Erbsen und Bohnen knien musste. Diese Art der Erziehung und Bestrafung habe ich nie vergessen und ich würde mir wünschen, dass kein Kind solche Grausamkeiten ertragen muss.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebte eine Familie Hof. Herr Hof war im Sudetenland Schneidermeister und er besaß ein Radio. Mein Großvater und mehrere andere Vertriebene versammelten sich immer zu den Nachrichten im Wohnzimmer der Familie Hof. Sie alle lebten in der Hoffnung auf gute Nachrichten, darauf, dass wir Sudetendeutschen wieder zurück in die Heimat könnten. Aber daraus wurde nichts.

In einem Raum neben unserem Wohnzimmer wurde die Leiche einer gerade verstorbenen Frau aufgebahrt. Es war Sommer und die tote Frau lag mehrere Tage in diesem Zimmer. Der Verwesungsgeruch verteilte sich im ganzen Haus, es stank furchtbar. Da half auch die mit Wasser gefüllte Zinkbadewanne nichts, die man zur Kühlung unter dem Bett aufgestellt hatte.

Einmal nahm mich ein Sohn von Bauer Schüle, er hieß Rudolf und war circa 14 Jahre alt, mit in die angrenzende Scheune. Wir kletterten eine senkrechte Leiter hoch auf den Heuboden. Dort zog er seine Hose aus, fing an, sich selbst zu befriedigen und forderte mich auf, dasselbe zu tun. Ich hatte jedoch mit meinen circa sechs Jahren keine Ahnung, was er von mir wollte und suchte instinktiv das Weite. Kurze Zeit später drohte er mir Schläge an, sollte ich das Erlebte jemandem erzählen. Ich habe es trotzdem meiner Mutter erzählt, doch die unternahm nichts dagegen.

Im Dezember 1953 bekam meine Mutter die Nachricht, dass wir mit vielen anderen Vertriebenen nach Pforzheim umgesiedelt werden sollten. Die Verwaltung teilte ihr mit, dass dort beim Bombenangriff im Februar 1945 mehr als 17.000 Menschen ums Leben gekommen seien und deshalb Flüchtlinge und Vertriebene in Pforzheim eine neue Heimat finden könnten.

Ich freute mich auf Pforzheim und ließ gerne die sieben vorwiegend unglücklichen Jahre in Rohrbach hinter mir. Aber ich wusste auch nicht, was mich in Pforzheim erwarten würde.