Meine erste Begegnung mit Amerikanern

Nachdem der lange Zug mit den Vertriebenen aus dem Sudetenland endlich in Deutschland angekommen war, atmeten wir alle auf. Am Grenzübergang in Furth im Wald wurden wir sehr freundlich von den Amerikanern empfangen. In diesem Moment dachte niemand an die schreckliche Zeit, die hinter allen lag. Insbesondere nicht an die sexuellen Übergriffe der vergangenen Monate gegenüber den Mädchen und Frauen. Doch auch die amerikanischen Soldaten waren nicht nur sehr hilfsbereit und nett, insbesondere zu den Mädchen und Frauen, sie machten keinen Hehl daraus, dass auch sie ihre sexuellen Bedürfnisse hätten. Meine Mutter stellte sich oft schützend vor die jungen, hilflosen Frauen, denen die Amerikaner aus dem Zug halfen. Und mein Großvater stellte sich wiederum schützend vor meine Mutter, und vor unsere 14-jährige Vera, unserem Waisenkind, die zu unserer Familie gehörte. Dieser Schutz war insbesondere bei der sogenannten Entlausung in den großen Gemeinschaftsduschen notwendig.

Auch später, im Auffanglager Friedland waren die vertriebenen Frauen und Mädchen Freiwild. Meine Mutter musste mehrfach eingreifen, wenn Vera belästigt wurde. Vera wurde immer wieder von den amerikanischen Soldaten angesprochen, ob sie gerne Schokolade und Kaugummi haben möchte. Es war wohl auch den amerikanischen Soldaten bekannt, dass der tschechische Präsident Benesch die Sudetendeutschen Frauen zur Vergewaltigung freigegeben hatte.

Von „metoo“ war damals noch nicht die Rede. Alle wussten, dass jeder Krieg viel Leid für die jeweilige Bevölkerung mit sich bringt, insbesondere für Frauen, die den sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert waren. Als wir in Rohrbach bei Sinsheim angekommen waren, wurde meiner Mutter und mehreren anderen Frauen aus dem Sudetenland eine Tätigkeit als Waldarbeiterin für 20 DM pro Woche zugewiesen. Die Frauen mussten unter Anleitung der Forstbeamten Neupflanzungen in den umliegenden Wäldern durchführen. Um diese neuen Pflanzungen gegen wilde Tiere zu schützen, wurde ein provisorischer Zaun um diese Bereiche aufgestellt. Eines Tages stand ein amerikanischer Soldat, meine Mutter sprach von einem großen Neger, außerhalb des Zauns und winkte den arbeitenden Frauen mit Kaugummi und Schokolade. Er verteilte die Schokolade an die heraneilenden Frauen großzügig und die Frauen einschließlich meiner Mutter, waren darüber sehr erfreut. Danach öffnete er seine Hose und holte seinen sehr großen, steifen Penis heraus. Die Frauen rannten schreiend davon, zum Glück war der provisorische Zaun dazwischen. Der herbeigerufene Förster stellte sich schützend vor die Frauen. Meine Mutter war immer noch schockiert, als sie nach Hause kam, und ging von da an nur noch widerwillig zur Arbeit. Unsere Familie benötigte aber die 20 DM pro Woche und die vom Förster immer zusätzlich mitgegeben Lebensmittelmarken. Wenigstens standen die Waldarbeiterinnen von da an unter Aufsicht mehrerer Forstbeamten.

Nachdem mein Großvater erfahren hatte, dass amerikanische Soldaten in den Wäldern hausten und dort seit Kriegsende auf ihren Rücktransport nach Amerika warteten, zogen mein Großvater und ich eines Tages in den Wald Richtung Adersbach. Er gab vor, nach Pilzen zu suchen, in Wirklichkeit hielt er Ausschau nach den Amerikanern. Und plötzlich standen wir vor vielen amerikanischen Panzern. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Auf einem dieser Panzer saß ein sehr freundlicher amerikanischer Soldat, er hatte an einem Bein einen Gipsverband bis zum Knie. Als er uns sah, warf er mir mehrere Päckchen Kaugummi zu, die ich natürlich liebend gerne annahm. Am nächsten Tag drängte ich meinen Großvater, wieder mit mir in den Wald zu den amerikanischen Panzern zu gehen. Leute aus dem Dorf hatten uns davor gewarnt, zu den Amis zu gehen, denn das seien unsere Feinde. Sie hätten im Krieg gegen Deutschland gekämpft. Wir gingen trotzdem, denn uns gegenüber waren diese Männer sehr freundlich. Dieses Mal sahen wir viele von ihnen und ich bekam noch mehr Päckchen Kaugummi als am Tag zuvor. Offensichtlich mochten die Soldaten Kinder, und mein Großvater meinte, dass der Soldat mit dem Gips Fuß mich wohl ins Herz geschlossen hatte. Also suchten wir ihn. Mein Großvater erkannte, dass dieser Soldat seinen Namen auf der Uniformjacke stehen hatte. Wir konnten uns nur seinen Vornamen Jim behalten. Jim hob mich trotz seines Gipsbeins auf den Panzer hoch und schob mich dann durch die Luke in den Panzer hinein. Ich kletterte im Inneren herum und war vollkommen begeistert, so etwas hatte ich ja noch nie gesehen, erlebt und erfahren. Jim und andere Soldaten beschenken uns mit Dosen, Brot, Wurst und Fleisch und gaben uns auch viel Milchpulver und Zucker mit. Der Rucksack meines Großvaters war prall gefüllt und wir kamen mit wertvoller Nahrung nach Hause. Wir hatten keine Pilze gefunden, aber so viel Essen von den amerikanischen Soldaten bekommen, dass wir uns tagelang davon ernähren konnten. Meine Mutter war glücklich. Von da an zogen wir fast täglich in den Wald zu den amerikanischen Soldaten und den vielen Panzern. Jim sagte meinem Großvater immer wieder einen Satz, in dem das Wort Bicycle vorkam. Aber mein Großvater und ich wussten nicht, was er damit meinte. Ich habe mir dieses Wort gemerkt und Jahre später erfahren, dass Jim von einem Fahrrad gesprochen hatte. In den folgenden Tagen brachten wir jede Menge Nahrung in Dosen nach Hause. In meinem kleinen Rucksack hatte ich immer Schokolade und Kaugummi eingepackt. Es war eine schöne Zeit.

Als wir eines Tages wieder in den Wald kamen, waren die Panzer und Soldaten verschwunden. Ich konnte es nicht glauben und weinte hemmungslos. Sie waren doch unsere Freunde geworden, sie beschenkten uns reichlich, strichen mir über den Kopf, neckten mich und zeigten mir immer wieder, dass sie mich mochten. Viele sagten zu mir, wenn sie mich täglich sahen, einfach „hello boy“ und steckten mir ein Päckchen Kaugummi zu. Ja, ich habe sie als Freunde empfunden und ich fühlte mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Und jetzt waren sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Ich sah nur noch tiefe Spuren im Wald und auf den Wegen, die ihre Panzer hinterlassen hatten.

Mein Großvater entdeckte mehrere Stellen im Waldboden, die frisch aufgegraben und dann wieder mit Erde zugeschüttet worden wurden. Er schob die frische Erde zur Seite und da fanden wir viele Dosen mit Brot, Fleisch, Wurst und Marmelade, die von den amerikanischen Soldaten dort vergraben worden waren. Wir wussten nicht, warum diese Nahrung dort vergraben wurde, aber wir haben mehrere Wochen davon gegessen. Ich war lange Zeit sehr traurig, dass ich die von mir lieb gewonnenen amerikanischen Soldaten nicht mehr treffen konnte. Und immer, wenn ich beim Essen zu Hause eine Dose von den Amerikanern sah, musste ich weinen. Diese positiven Erfahrungen und Erinnerungen an die amerikanischen Soldaten im Wald habe ich bis heute nicht vergessen, sie sind wohl auch der Grund, weswegen ich ein großes Herz für Amerika bekommen habe.

Irgendwann in den kommenden Jahren Jahre erzählte der Postbote im Dorf, dass in Mannheim schon vor einigen Monaten ein Kinderfahrrad von Amerika angekommen sei. Es hing ein großer Zettel daran mit der Aufschrift „for boy“ und ein Foto soll auch dabei gewesen sein. Dieses war aber nicht mehr auffindbar. In der örtlichen Presse in Mannheim wurde aufgerufen, ob sich jemand daran erinnern könnte, dass er ein Fahrrad aus Amerika erhalten würde. Da sich niemand darauf gemeldet hatte, wurde die Suche eingestellt. Was mit dem Fahrrad geschehen ist, wusste niemand mehr. Mutter meinte später einmal, ob das Fahrrad nicht von Jim gekommen und für mich bestimmt gewesen sei. Aber niemand wusste Genaueres. Nur ich stellte mir vor, dass es für mich gewesen sei, und fühlte mich ein bisschen wie ein stolzer Soldat.

Noch heute erfüllt es mich mit Freude, wenn ich an diese zwei bis drei Wochen bei den Amerikanern im Wald zurückdenke. Sie waren ein Glanzpunkt in meinen von Armut geprägten Kindheitstagen.